5.3 Suizidversuche und Suizide

Hinter jedem Suizid oder Suizidversuch steht eine persönliche Leidensgeschichte. Eine Suizidhandlung ist als Hilfeschrei zu verstehen. Die Mehrheit der Suizide und Suizidversuche im Jugendalter sind «Kurzschlusshandlungen», d. h. sie sind die Folge von impulsivem Handeln und keine freie Willensentscheidung. Sie erfolgen als spontane Reaktion auf negative Lebensereignisse (z. B. Liebeskummer, Verlust einer nahestehenden Person) oder sind Folge eines langanhaltenden, inneren Leidensdruckes (z. B. Depres­sionen, Einsamkeit, Gefühl ständiger Überforderung; Meister & Böcklemann, 2015). Wenn sich ein Mensch das Leben nimmt, beschäftigt die Angehörigen immer die Frage nach dem «Warum?». Sehr häufig werden sie von Schuldgefühlen geplagt und fragen sich, ob sie den Suizid nicht hätten verhindern können. Es ist wichtig zu wissen, dass ein Suizid immer die Folge von mehreren Ursachen ist und niemals die Schuld einer einzelnen Person (BAG, 2020; WHO, 2014).

Suizide


2017 sind in der Schweiz 87 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 11 und 25 Jahren durch Suizid gestorben: 23 Mädchen oder junge Frauen und 64 Jungen oder junge Männer.3] Setzt man die 87 Suizide ins Verhältnis zur entsprechenden Wohnbevölkerung, so ergibt sich für die 11- bis 25-Jährigen eine Suizidrate von 6,4 Suiziden pro 100 000 Einwohnerinnen und Einwohner in der gleichen Altersgruppe. Als Vergleich: Bei den 26-Jährigen und Älteren beträgt die Rate 15,5.

     Im Verlauf der letzten 30 Jahre hat sich die Suizidrate bei den 11- bis 25-Jährigen mehr als halbiert. Bei den Mädchen und jungen Frauen betrug der Rückgang – 51% und bei den Jungen und jungen Männern – 62% (vgl. Grafik G5.2). Mit – 67% fiel er am deutlichsten bei den 21- bis 25-Jährigen aus. Bei den 16- bis 20-Jährigen ist dieser Trend insgesamt etwas schwächer ausgeprägt (–47%); bei den männlichen im Vergleich zu den weiblichen Jugendlichen ist die Rate stärker rückläufig (–62% vs. – 51%). In der jüngsten Altersgruppe (11–15 Jahre) schwankt die Suizidrate in den vergangenen 30 Jahren bei den Mädchen um 1,1 und bei den Jungen um 2,0 Suizide pro 100 000 Einwohnerinnen und Einwohner. Obwohl die Suizidrate bei den 11- bis 25-Jährigen insgesamt rückläufig ist, gehören Suizide immer noch zu den häufigsten Todesursachen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen (siehe Kapitel Lebenswelten, Umweltfaktoren und gesellschaftliche Rahmenbedingungen).

  • 3. Assistierte Suizide kommen bei den 11- bis 25-Jährigen kaum vor, folglich werden diese im vorliegenden Kapitel nicht berücksichtigt.
Image
G5.2

Im Verlauf der letzten 30 Jahre hat sich die Suizidrate bei den 11- bis 25-Jährigen mehr als halbiert. Dennoch gehören Suizide immer noch zu den häufigsten Todesursachen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

     Insgesamt sterben bei den 11- bis 25-Jährigen mehr Männer als Frauen durch Suizid. 2017 war die Suizidrate bei den Jungen und jungen Männern fast drei Mal so hoch wie bei den Mädchen und jungen Frauen (9,0 vs. 3,2 Suizide pro 100 000 Einwohner bzw. Einwohnerinnen in der gleichen Altersgruppe). Auch bei den 26-Jährigen und Älteren sterben mehr Männer als Frauen durch Suizid.

     Die Suizidrate steigt mit zunehmendem Alter an. Bei den 11- bis 15-Jährigen sind Suizide selten: In einem Zeitraum von 5 Jahren (2013–2017) haben 16 Jungen und 15 Mädchen Suizid begangen. Dies entspricht einem gewichteten gleitenden 5-Jahres-Mittelwert von 1,5 Suiziden pro 100 000 Einwohnerinnen und Einwohner derselben Altersgruppe. Bei den 16- bis 20- und den 21- bis 25-Jährigen liegt die Suizidrate deutlich höher (7,1 bzw. 9,0 Suizide pro 100 000 Einwohner/innen). Auch hier ist ein Geschlechtereffekt zu beobachten. Während die Gruppen der 16- bis 20- und 21- bis 25-jährigen Frauen eine ähnliche Suizidrate aufweisen (3,4 vs. 4,3), liegt sie bei den Männern wesentlich höher und unterscheidet sich zudem deutlicher zwischen den beiden Altersgruppen (10,6 vs. 13,6).

     Im Vergleich zu Deutschland liegt die Suizidrate bei Kindern und Jugendlichen in der Schweiz etwas höher. 2016 kam es in Deutschland bei den 10- bis 24-Jährigen zu 4,4 Suiziden pro 100 000 Einwohnerinnen und Einwohnern (eigene Berechnung basierend auf Daten von genesis.destatis.de).

     Ein Risikofaktor für einen Suizid ist ein früher erfolgter Suizidversuch (z. B. Franklin, 2017). 0,9% der in der SGB 2017 befragten 16- bis 25-Jährigen gaben an, in den vergangenen 12 Monaten einen Suizidversuch unternommen zu haben (ca. 900 Suizidversuche pro 100 000 Einwohner/innen). Ein Viertel der Betroffenen gibt ausserdem an, mit niemandem über den Versuch gesprochen zu haben. Die Suizidversuch-Rate der Gesamtbevölkerung (ab 15 Jahren) liegt mit ca. 500 Suizidversuchen pro 100 000 Einwohnerinnen und Einwohner (0,5%) etwas tiefer. Dieser Unterschied ist jedoch statistisch nicht signifikant.

     Vor einem Suizidversuch treten Suizidgedanken auf. Gemäss der SGB 2017 hatten rund 9,4% der 16- bis 25-Jährigen Suizidgedanken innerhalb der zwei Wochen vor der Befragung (ca. 9400 pro 100 000 der 16- bis 25-Jährigen), Frauen und Männer ähnlich häufig. Die Verbreitung von Suizidgedanken in der Allgemeinbevölkerung (ab 15 Jahren) liegt mit 7,8% auf ähnlichem Niveau (ca. 7800 pro 100 000 Einwohner/innen).

Suizidmethoden


Zwischen 2013 und 2017, einem Zeitraum von fünf Jahren, kam es bei den 11- bis 25-Jährigen insgesamt zu 416 Suiziden. Dabei erfolgten die meisten Suizide durch Stürze in die Tiefe (44,2%), gefolgt von Erhängen (30,3%), Schusswaffen (13,7%), Vergiftung (6,7%) und Ertrinken (0,5%); die restlichen 4,6% wurden nicht genauer kategorisiert und unter «übrige Methoden» zusammengefasst. Im Vergleich zu Frauen kommen Männer weit häufiger durch Schusswaffen zu Tode (17,6% vs. 1,9%). Dementsprechend sind die restlichen Suizidmethoden bei Frauen verhältnismässig etwas häufiger vertreten als bei Männern (z. B. Erhängen 34,0% vs. 29,1% oder Vergiftung 12,6% vs. 4,8%).

Image
G5.3

     Im zeitlichen Verlauf ist vor allem beim Suizid durch Schusswaffen ein markanter Rückgang zu erkennen (vgl. Grafik G5.3). Die Suizidrate reduzierte sich hier zwischen 1998 und 2017 von 4,94 auf 0,78 Suizide pro 100 000 Einwohnerinnen und Einwohner. Das sind rund 6,4-mal weniger Suizide als vor 20 Jahren. Gemäss Expertenmeinungen steht dieser Rückgang primär mit einer geringeren Verfügbarkeit von Schusswaffen in der Bevölkerung in Verbindung (Habenstein et al., 2013). So ist insbesondere der Abfall der Rate ab 2003 auf die Armeereform XXI zurückzuführen (Reisch et al., 2013).

Fazit Suizidversuche und Suizid


Psychische Probleme erhöhen das Risiko für Suizid. Gemäss Schätzungen der WHO steht ein wesentlicher Anteil aller Suizide in Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen (Krug et al., 2002), insbesondere mit Depressionen (Wolfersdorf, 2008). Im Verlauf der letzten 30 Jahre hat sich die Suizidrate bei den 11-bis 25-Jährigen mehr als halbiert. Sie liegt 2017 bei 6,4 Suiziden pro 100 000 Einwohnerinnen und Einwohner derselben Altersgruppe. D. h. 2017 sind 87 Kinder und Jugendliche beziehungsweise junge Erwachsene durch Suizid gestorben. Trotzdem gehören Suizide immer noch zu den häufigsten Todesursachen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Im Vergleich zu Deutschland liegt die Suizidrate bei Kindern und Jugendlichen in der Schweiz etwas höher.