7.3 Ernährung

Stillen


In den ersten Lebensmonaten findet der Übergang von der intrauterinen Ernährung zu einer reinen Milchnahrung und dann zu einer abwechslungsreichen Beikost statt (Schweizerische Gesellschaft für Ernährung [SGE], 2012).

     Das Stillen bietet sowohl für das Kind als auch für die Mutter gesundheitliche Vorteile (Eidgenössische Ernährungskommission, 2015). Beim Kind senkt es beispielsweise das Risiko von gastrointestinalen und respiratorischen Infektionen und später das Risiko für die Entwicklung von Adipositas sowie von Typ-1- und Typ-2-Diabetes.

     Die Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie (SGP) und jene für Ernährung empfehlen das ausschliessliche Stillen bis zum Altern von 4 bis 6 Monaten und anschliessend zwischen dem 5. und 7. Lebensmonat die schrittweise Einführung von Beikost (Ernährungs­kommission der SGP, 2011; SGE, 2012).1

     Die umfassendsten Daten zum Stillen von Säuglingen im 1. Lebensjahr stammen aus der nationalen Studie SWIFS («Swiss Infant Feeding Study») (Dratva et al., 2014). Diese Studie, die 1994, 2003 und 2014 bei Müttern von Säuglingen in den 3 grossen Sprachregionen der Schweiz durchgeführt wurde, zeigt, dass das Stillverhalten weit­gehend den aktuellen Empfehlungen entspricht. Gemäss dieser Studie stillten 2014 95% der Mütter ihr Kind ab der Geburt. Somit wurde wie auch 1994 (92%) und 2003 (94%) nur ein kleiner Teil der Kinder gar nicht gestillt. Mit rund 3 Monaten wurde die Hälfte der Säuglinge immer noch ausschliesslich mit Muttermilch gestillt, und mit rund 7 Monaten wurde rund die Hälfte der Säuglinge immer noch gestillt, die meisten davon teilweise (mediane Gesamtstilldauer = 31 Wochen). Die Ergebnisse der Schweizerischen Gesundheitsbefragung (SGB) 2017 zeigen ebenfalls eine sehr hohe Stillprävalenz, denn rund 90% der Mütter, deren jüngstes Kind zum Zeitpunkt der Befragung weniger als 5 Jahre alt war, gaben an, ihr Kind gestillt zu haben. Obschon die verwendeten Methoden nicht vergleichbar sind, sei hier erwähnt, dass die Stillquote in Deutschland in den letzten 20 Jahren ebenfalls hoch war (72–97%), und im Alter von 6 Monaten noch rund die Hälfte der Säuglinge gestillt wurde (Weissenborn et al., 2016).

  • 1. Diese Empfehlungen unterscheiden sich etwas von jenen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die 6 Monate ausschliessliches Stillen und die schrittweise Einführung der Beikost ab dem 7. Lebensmonat, idealerweise neben dem Weiterführen des Stillens bis zum 2. Lebensjahr vorsehen (WHO, 2001). Die Empfehlungen der WHO richten sich in erster Linie an Länder, in denen Muttermilch wirtschaftliche und hygienische Vorteile bietet.

Das Stillverhalten entspricht weitgehend den aktuellen Empfehlungen.

     Die SWIFS-Studie zeigt, dass die Eltern bei der schrittweisen Einführung von Beikost und Getränken in die Ernährung des Babys im Allgemeinen zuerst Gemüse (Kartoffeln nicht eingeschlossen), dann Früchte und Getreide wählen und mit der Einführung von Fleisch und Brot bis zum 7. Lebensmonat zuwarten. Andere Lebensmittel wie Fisch, Joghurt und Ei werden später eingeführt.

Ernährungsverhalten


Die Ernährung der 1- bis 3-jährigen Kinder kann als Übergang zwischen dem Stillen und der Familienkost betrachtet werden (Eidgenössische Ernährungskommission, 2015). Im Kleinkindalter und in der Kindheit erfolgen die Wahl der Lebensmittel und die Bestimmung des Mahlzeitenrhythmus durch die Eltern, die somit in diesem Bereich zusammen mit den anderen Bezugspersonen eine Vorbildfunktion wahrnehmen. Das Ernährungsverhalten der Jugendlichen ist nach wie vor stark geprägt von der Familie, wobei die Jugendlichen in ihrem Ernährungsverhalten zunehmend autonom werden.

     Viele Forschungsarbeiten haben sich mit dem Zusammenhang zwischen Ernährungsgewohnheiten und Gesundheit befasst. Sie bestätigen einen Zusammenhang zwischen bestimmten NCD und Ernährungsfaktoren wie ungenügendem Konsum von Früchten und Gemüse oder einem zu hohen Salzkonsum (Afshin et al., 2019). Umgekehrt geht eine massvolle, abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung mit einem gesundheitlichen Nutzen einher (Eidgenössische Ernährungskommission, 2019).

     In der Schweiz existieren keine publizierten repräsentativen Daten über das Ernährungsverhalten der 3- bis 10-jährigen Kinder, wie sie beispielsweise in der KiGGS-Studie in Deutschland (Krug et al., 2018) und der Studie über den Lebensmittelverzehr in Belgien (de Ridder et al., 2016) erfasst werden. Für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen liegen zwar mehr, jedoch nur partielle Daten vor. Mit allgemeinen Bevölkerungsstudien lassen sich nämlich die komplexen und vielschichtigen Aspekte der Ernährung nicht vollständig erfassen. In den folgenden Abschnitten wird auf diejenigen Aspekte eingegangen, für die am meisten Daten vorliegen.

     Zum Thema ausgewogene Ernährung hat die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung Empfehlungen für Kinder (SGE, 2017), Jugendliche (SGE, 2011a) sowie Erwachsene ab 19 Jahren (SGE, 2011b) erstellt, die deren spezifischen Bedürfnissen Rechnung tragen. Die Schweizerische Lebensmittelpyramide (im Folgenden «SLP» genannt) veranschaulicht die ideale Zusammensetzung der Ernährung.

Häufigkeit des Konsums von Lebensmitteln und Getränken


In der Tabelle T7.1 sind die Ergebnisse der SGB 2017 und der internationalen Studie «Health Behaviour in School-aged Children» (HBSC) 2018 zur Häufigkeit des üblichen Verzehrs einer kleinen Auswahl von Lebensmitteln und Getränken dargestellt, die drei der sechs Gruppen der SLP entsprechen: Früchte und Gemüse, eiweissreiche Lebensmittel tierischer oder pflanzlicher Herkunft, von denen einige auch reich an Kalzium (Milch, Milchprodukte), Eisen (Fleisch) oder Omega-3-Fettsäuren (Fisch) sind, sowie Lebensmittel, die nur gelegentlich konsumiert werden sollten, wie Süssigkeiten, Süssgetränke und salzige Knabbereien. Für jedes Lebensmittel oder Getränk wird eine bestimmte Konsumhäufigkeit vorgeschlagen, die sich an den Empfehlungen der SLP orientiert. Ein Vergleich mit den SLP-Empfehlungen ist jedoch nicht möglich, da diese nicht die konsumierten Mengen widerspiegeln. So assen beispielsweise 2018 40,9% der 11- bis 15-jährigen Jungen und 50,8% der gleichaltrigen Mädchen jeden Tag Früchte und 41,5% bzw. 49,8% jeden Tag Gemüse. Diese Anteile entsprechen in etwa denen von 2014, während sie zwischen 2002 und 2014 tendenziell angestiegen waren.

Der tägliche Früchte- und Gemüsekonsum der 11- bis 15-Jährigen ist zwischen 2002 und 2014 angestiegen. 2018 wurde kein weiterer Anstieg verzeichnet.

     Ausserdem konsumierten 87,1% der Jungen und 93,7% der Mädchen im gleichen Alter weniger als zweimal pro Woche Energy Drinks. Seit 2010 werden diese Getränke immer weniger konsumiert.

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T7.1

Früchte- und Gemüseportionen


Gemäss der SLP wird empfohlen, pro Tag mindestens 5 Portionen2 Früchte und Gemüse, die idealerweise auf mindestens 3 Portionen Gemüse und 2 Portionen Früchte verteilt werden, zu essen. Gemäss schweizweiten Studien setzt nur eine Minderheit der jungen Menschen diese Empfehlung um, wobei dies bei den Mädchen und jungen Frauen etwas häufiger der Fall ist als bei den Jungen und jungen Männern. Zum gleichen Schluss gelangen, unter Anwendung anderer Methoden, beispielsweise die KiGGS-Studie in Deutschland (Krug et al., 2018) und die Studie über den Lebensmittelverzehr in Belgien (de Ridder et al., 2016).

     So betrug der Anteil der Kinder und Jugendlichen in der Schweiz, die pro Tag 5 Por­tio­nen Früchte und Gemüse essen, bei den 6- bis 11-Jährigen, die an der SOPHYA-Studie 2013/2014 teilnahmen, 32% (von ihren Eltern bereitgestellte Informationen). Bei den 11- bis 15-Jährigen beliefen sich diese Anteile im Rahmen der HBSC-Studie 20183 auf 14,8% bei den Jungen und auf 20,4% bei den Mädchen, wobei die Jugendlichen, deren Eltern beide in der Schweiz geboren sind, die Empfehlung im Verhältnis häufiger befolgten (19,7%) als jene mit einem im Ausland geborenen Elternteil (15,8%). Gemäss der SGB 2017 wurde das weniger strenge Ziel, pro Tag 5 Portionen oder mehr Früchte und Gemüse an mindestens 5 Tagen pro Woche zu essen, von 18,6% der 16- bis 25-jährigen Männer und von 23,0% der gleichaltrigen Frauen erreicht. Gemäss der Nationalen Ernährungserhebung menuCH 2014–2015, die bei der 18- bis 75-jährigen Wohnbevölkerung durchgeführt wurde, konsumierten 6,3% der 18- bis 34-Jährigen mindestens 5 Portionen Früchte und Gemüse pro Tag und wiesen damit den tiefsten Anteil auf (Bochud et al., 2017).

  • 2. Eine Portion entspricht einer Handvoll (HBSC) oder ist etwa so gross wie die Hand, oder wie ein Apfel oder eine Birne (SGB). Gemäss SLP kann pro Tag eine Portion durch 2dl Gemüse- oder Fruchtsaft (ohne Zuckerzusatz) ersetzt werden.
  • 3. Die Frage wurde 2018 zum ersten Mal gestellt.

Salz


Natriumchlorid, der wichtigste Bestandteil von Speisesalz, ist unentbehrlich für den Orga­nismus, aber ein übermässiger Konsum stellt einen kardiovaskulären Risikofaktor dar. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt einen Konsum von höchstens 5g4 pro Person und Tag5 (WHO, 2012).

     Gemäss der Studie zum Salzkonsum der Schweizer Bevölkerung, die 2010/2011 bei Personen ab 15 Jahren in neun Kantonen durchgeführt wurde6, hielten sich damals 21% der 15- bis 29-jährigen Frauen und 8% der gleichaltrigen Männer an die Empfehlung der WHO (Chappuis et al., 2011). Im Rahmen der SGB 2017 gaben 23,3% der Männer und 26,1% der Frauen im Alter von 16 bis 25 Jahren an, auf ihren Salzkonsum zu achten oder ihn zu reduzieren.

  • 4. 1 Brötchen oder 70g Greyerzer enthalten rund 1g Salz.
  • 5. Auf der Grundlage der verfügbaren Evidenz bestehen nach wie vor Unsicherheiten über die optimale Menge des täglichen Salzkonsums. Wert für Personen ab 16 Jahren; für die 2- bis 15-Jährigen gehen die Werte mit abnehmendem Energiebedarf der Kinder zurück.
  • 6. Basel, Freiburg, Genf, Luzern, St. Gallen, Tessin, Waadt, Wallis und Zürich.

Spezielle Ernährungsformen


Eine Ernährung mit einer reduzierten Energiezufuhr und/oder einer geänderten Nährstoffzufuhr kann aus Gesundheitsgründen unter anderem bei Adipositas, Bluthochdruck oder Diabetes angezeigt sein. Eine spezielle Ernährung kann jedoch auch durch ethische, ökologische oder ideologische Überlegungen begründet sein.

     Gemäss der SGB 2017 achtete die Mehrheit der 16- bis 25-jährigen Männer (53,7%) und der gleichaltrigen Frauen (58,7%) bei ihrer Ernährung auf etwas. Die menuCH-Erhebung (Bochud et al., 2017) zeigt etwas detaillierter, dass 2014/2015 33,9% der 18- bis 34-Jährigen eine spezielle Ernährungsform wie eine Diabetes-Diät, eine glutenfreie, laktosefreie, kalorienarme oder vegetarische Ernährung befolgten, wobei letztere am häufigsten genannt wurde (von rund 7% der 18- bis 34-Jährigen). Im Rahmen der HBSC-Studie 2018 gaben 1,1% der Jungen und 3,1% der Mädchen im Alter von 11 bis 15 Jahren an, nie Fisch oder Fleisch zu essen; bei den 16- bis 25-Jährigen betrugen diese Anteile 2,4% beziehungsweise 5,9% (SGB 2017). Eine Ernährung ohne diese beiden Eiweisslieferanten ist kennzeichnend für eine vegetarische Ernährung, von der es verschiedene Ausprägungen gibt. Dazu zählt auch die vegane Ernährung, die sämtliche Lebensmittel tierischer Herkunft ausschliesst. Für Kinder und Jugendliche wird von einer solchen Ernährung dringend abgeraten (Eidgenössische Ernährungskommission, 2018; SGE, 2011a, 2011b)

     Bei den 11- bis 15-Jährigen machten 11,0% der Jungen und 14,8% der Mädchen eine Diät oder etwas anderes, um Gewicht zu verlieren (HBSC 2018). Aus der Studie geht nicht hervor, ob diese Massnahme aus medizinischen Gründen indiziert war. Im Rahmen der SGB 2017 gaben 3,4% der 16- bis 25-jährigen Männer und 7,0% der gleichaltrigen Frauen an, in den letzten 12 Monaten eine Diät eingehalten zu haben, um Gewicht zu verlieren. In der Pubertät können Sorgen im Zusammenhang mit den körperlichen Veränderungen Jugendliche zuweilen dazu veranlassen, eine strenge Diät zu befolgen, die nicht im Zusammenhang mit ihrem Körpergewicht steht (Delgrande Jordan et al., 2020), was in gewissen Fällen zur Entwicklung von Essverhaltensstörungen beitragen kann (siehe Kapitel Psychische Gesundheit). Dabei ist jedoch zu beachten, dass das Risiko zur Entwicklung solcher Störungen durch mehrere Faktoren begründet zu sein scheint, von denen nur ein Teil ernährungsbezogen ist (Stassen Berger, 2012).