7.5 Schlaf

Nach neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen erfüllt der Schlaf zahlreiche biologische Funktionen, zum Beispieleine regenerative Funktion, die dem Gehirn ermöglicht, sich von der Tagesaktivität zu erholen, oder eine Funktion zur Konsolidierung der Gedächtnis­inhalte. Er spielt auch eine wichtige Rolle im Stoffwechsel: Wenig schlafen erhöht das Risiko für Übergewicht und Diabetes Typ 2 (Haba-Rubio & Heinzer, 2016).

     Die Menschen haben unabhängig von der Lebensphase nicht alle den gleichen Schlafbedarf. Zwar hat beispielsweise der Grossteil der erwachsenen Bevölkerung einen Schlafbedarf von 7 bis 8 Stunden pro Nacht, einige benötigen aber mehr Schlaf und andere weniger (Haba-Rubio & Heinzer, 2016). Es existiert auch keine genaue Definition der Anzahl Stunden, die Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene pro Nacht schlafen sollten. Hingegen wurden Empfehlungen in Form von altersspezifischen Bandbreiten formuliert, die als Richtwerte gelten (für Personen mit normalem Schlaf), so jene der amerikanischen National Sleep Foundation (Hirshkowitz et al., 2015): beispielsweise 14 bis 17 Stunden für 0- bis 3-monatige Säuglinge, 10 bis 13 Stunden für 3- bis 5-Jährige, 9 bis 11 Stunden für 6- bis 13-Jährige, 8 bis 10 Stunden für 14- bis 17-Jährige und 7 bis 9 Stunden für 18- bis 25-Jährige.

Schlafdauer


Eine Längsschnittstudie, die zwischen 1976 und 2001 im Kanton Zürich bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 1, 3, 6, 9, 12, 18 und 24 Monaten und dann jedes Jahr bis zum Alter von 16 Jahren durchgeführt wurde, zeigte damals klar eine deutliche Verkürzung der Gesamtschlafdauer im Verlauf der Entwicklung: Von durchschnittlich 14,2 Stunden (Standardabweichung = 1,9) im Alter von 6 Monaten ging sie auf durchschnittlich 8,1 Stunden (Standardabweichung = 0,7) im Alter von 16 Jahren zurück (Iglowstein et al., 2003).

     Die hormonellen Veränderungen in der Pubertät bewirken eine physiologische Verschiebung der Schlafphasen (Haba-Rubio & Heinzer, 2016). Die Jugendlichen gehen dann vorzugsweise spät ins Bett und stehen spät auf, was mit dem frühen Schulbeginn nur schwer vereinbar ist. Verhaltensfaktoren wie Koffeinkonsum oder die Exposition gegenüber (blauem) Bildschirmlicht in den Stunden vor dem Schlafengehen können dieses Phänomen noch verstärken. Unter der Woche besteht bei den Jugendlichen häufig ein Schlafmangel, den sie am Wochenende wettzumachen versuchen, indem sie am Morgen länger schlafen. Die Ergebnisse der HBSC-Studie 2018 veranschaulichen klar den deutlichen Unterschied zwischen der Schlafdauer in den Nächten vor der Schule und in jenen vor einem freien Tag: 57,4% der 14- und 15-jährigen Jungen und 58,2% der gleichaltrigen Mädchen halten sich an die Empfehlung, vor einem Schultag zwischen 8 und 10 Stunden pro Nacht zu schlafen, was vergleichbar ist mit den Ergebnissen von 2014 (J: 59,4%; M: 57,8%). In diesen Nächten beträgt die durchschnittliche Schlafdauer 7,8 Stunden (Standardabweichung = 1,1) bei den Jungen und 7,8 Stunden (Standardabweichung = 1,0) bei den Mädchen. Wenn am nächsten Tag schulfrei ist, schaffen es 91,0% der Jungen und 94,1% der Mädchen im Alter von 14 und 15 Jahren, mindestens 8 Stunden zu schlafen; auch hier sind Ergebnisse vergleichbar mit jenen von 2014 (J: 92,8%; M: 96,0%). Die durchschnittliche Schlafdauer steigt in diesen Nächten auf 9,4 Stunden (Standardabweichung = 1,3) bei den Jungen und auf 9,6 Stunden (Standardabweichung = 1,2) bei den Mädchen an. Dabei ist zu beachten, dass die 14- und 15-jährigen Jugendlichen, deren Eltern beide in der Schweiz geboren sind, häufiger eine Schlafdauer entsprechend der Empfehlung haben als jene mit mindestens einem im Ausland geborenen Elternteil.

     Eine 2011 durchgeführte repräsentative nationale Umfrage zu den Schlafgewohnheiten der 12- bis 95-jährigen Schweizer Bevölkerung ergab, dass die 16- bis 19-Jährigen vor freien Tagen im Durchschnitt eine Stunde später einschlafen als die übrige Bevölkerung und dass die Schlafdauer zwischen 12 bis 15 Jahren und 25 bis 29 Jahren stark abnimmt (Tinguely et al., 2014). Diese Studie, in der nicht die tatsächliche Schlafzeit, sondern der Schlafbedarf erfasst wurde (anhand der Frage «Wie viele Stunden Schlaf benötigen Sie, um gut ausgeruht zu sein?»), zeigt eine starke Abnahme des wahrgenommenen Schlafbedarfs bei den 12- bis 15-Jährigen (52,3% erachten es z. B. als nötig, mehr als 8 Stunden zu schlafen), den 16- bis 19-Jährigen (32,0%) und den 20- bis 29-Jährigen (13,7%).

Schlaflosigkeit


In der Schweiz sind Schlafstörungen sowohl in der erwachsenen Bevölkerung (Stringhini et al., 2015) als auch bei (kleinen) Kindern und Jugendlichen (Jenni & Benz, 2007) ­verbreitet. Es existieren verschiedene Kategorien von Schlafstörungen (Haba-Rubio & Heinzer, 2016), deren Inzidenz je nach Alter unterschiedlich ist (Jenni & Benz, 2007). Am meisten Daten liegen in der Schweiz zur Kategorie Schlaflosigkeit vor. Schlaflosigkeit zeichnet sich bei Erwachsenen dadurch aus, dass das Einschlafen oder Durchschlafen anhaltend als schwierig oder der Schlaf dauerhaft als zu kurz oder nicht erholsam wahrgenommen wird (American Academy of Sleep Medicine, 2014).

     Bei den Jugendlichen kann die Tendenz, spät ins Bett zu gehen und spät aufzustehen (wenn dies möglich ist), Auswirkungen auf die Schlafphasen und -qualität haben (Dahl & Lewin, 2002), zu einer grossen Tagesmüdigkeit führen – ein bei Jugendlichen verbreitetes Symptom (siehe Kapitel Psychische Gesundheit) – und zur Schlaflosigkeit beitragen (Haba-Rubio & Heinzer, 2016). Im Rahmen der HBSC-Studie 2018 und der SGB 2017 wurden Fragen zur Häufigkeit der Schlaflosigkeitssymptome gestellt. Bei den 11- bis 15-Jährigen gaben 36,8% der Jungen und 47,7% der Mädchen an, in den letzten sechs Monaten mindestens einmal pro Woche Mühe mit Einschlafen gehabt zu haben – dieser Anteil verzeichnete zwischen 2002 (J: 32,4%; M: 40,6%) und 2014 (J: 38,8%; M: 49,3%) tendenziell eine Zunahme, während er 2018 rückläufig zu sein scheint – und 26,4% beziehungsweise 30,5% sagten, nicht durchgeschlafen zu haben.12

  • 12. Die Frage wurde 2018 zum ersten Mal gestellt.
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G7.3

     Von den vier in der SGB 2017 berücksichtigten Symptomen (Grafik G7.3) sind bei den 16- bis 25-Jährigen Einschlafschwierigkeiten das verbreitetste und mehrmaliges Erwachen während der Nacht das seltenste Problem. Zusammengefasst ergeben die Fragen zu diesen vier Symptomen einen Indikator13, anhand dessen sich die Schwere der Schlaflosigkeit einschätzen lässt: 16,8% der jungen Männer und 20,9% der jungen Frauen leiden an mittleren und 1,8% beziehungsweise 4,1% an schweren Schlafstörungen.

     Eine repräsentative nationale Studie zum Schlafverhalten der Schweizer Bevölkerung ab 18 Jahren aus dem Jahr 2003, also vor dem Boom der mobilen Bildschirmgeräte, gibt ebenfalls Auskunft über die Prävalenz von Schlaflosigkeit bei den 18- bis 25-Jährigen (Delini-Stula et al., 2007). In dieser Altersgruppe litten, gestützt auf eine Gesamtpunktzahl für Schlaflosigkeit, die sich an den diagnostischen Kriterien nach DSM-IV orientiert, 30,1% der 18- bis 25-Jährigen an leichter, 3,0% an mittlerer und weniger als 1% an schwerer Schlaflosigkeit.

  • 13. Keine oder wenige Störungen = manchmal, selten, nie Einschlafschwierigkeiten und unruhiger Schlaf und mehr­maliges Erwachen und zu frühes Erwachen am Morgen; mittlere Störungen = häufig Einschlafschwierigkeiten oder unruhiger Schlaf oder mehrmaliges Erwachen oder zu frühes Erwachen am Morgen; schwere Störungen = häufig unruhiger Schlaf und mehrmaliges Erwachen (BFS, 2015).

2017 litten 16,8% der jungen Männer und 20,9% der jungen Frauen zwischen 16 und 25 Jahren an mittleren und 1,8% beziehungsweise 4,1% an schweren Schlafstörungen.