7.6 Konsum von psychoaktiven Substanzen

In der Regel wird in der Adoleszenz mit dem Konsum von psychoaktiven Substanzen begonnen. Deshalb und aus ethischen Gründen werden bei Kindern keine Daten zu diesem Thema erhoben.14 Zu den Jugendlichen und jungen Erwachsenen stehen hingegen hinreichend Daten zur Verfügung.

     In der Adoleszenz findet der Konsum im Allgemeinen sporadisch zum Experimentieren oder aus Opportunismus statt, und nur selten regelmässig. Mit der Annäherung an das Erwachsenenalter konsumieren mehr Jugendliche häufig und kombinieren verschiedene Substanzen. Die höchste Prävalenz erreicht der Konsum in der Regel im Alter von 20 bis 25 Jahren, und gesamthaft betrachtet haben die Jungen und jungen Männer einen höheren Konsum als die Mädchen und jungen Frauen, wobei es je nach Produkt und berücksichtigter Konsumschwelle Ausnahmen gibt (Degenhardt et al., 2016).

     Jugendliche sollten überhaupt keine psychoaktiven Substanzen konsumieren, da ihr Gehirn noch nicht ausgereift und daher viel verletzlicher gegenüber neurotoxischen Wirkungen ist als jenes von Erwachsenen (INSERM, 2014a). Sowohl bei den Jugendlichen als auch den jungen Erwachsenen birgt der Konsum psychoaktiver Substanzen kurzfristige (z. B. Alkoholvergiftungen, Verletzungen, ungeschützter Geschlechtsverkehr) als auch langfristige Gesundheitsrisiken (Behinderung des Entwicklungsprozesses und der Ausbildung, Entwicklung eines Konsumstils, der ein Risiko für NCD darstellt) (Hall et al., 2016; Phan & Couteron, 2015).

  • 14. Im Rahmen der HBSC-Studie beispielsweise werden die Fragen über bestimmte Substanzen oder Konsumarten nur den älteren Schülerinnen und Schülern gestellt. Deshalb werden hier gewisse Ergebnisse nur für die 15-Jährigen präsentiert.

Herkömmliche Zigaretten und andere Nikotinprodukte


Seit einigen Jahren sind zusätzlich zu den herkömmlichen Produkten elektronische Zigaretten (E-Zigaretten) mit oder ohne Nikotin sowie Produkte erhältlich, die den Tabak erhitzen, statt ihn zu verbrennen. Während die Gesundheitsrisiken der herkömmlichen Produkte gut dokumentiert sind (Surgeon General, 2014), sind jene der neuen Produkte noch weitgehend unbekannt (Jenssen & Walley, 2019).

Zigaretten und andere herkömmliche Tabakprodukte


2018 rauchten 6,4% der 11- bis 15-jährigen Jungen und 5,3% der gleichaltrigen Mädchen mindestens ab und zu herkömmliche Zigaretten (Grafik G7.4), und rund 1% der Jungen und Mädchen rauchten täglich. Von den 15-jährigen täglich Konsumierenden rauchte die Hälfte höchstens 5 Zigaretten pro Tag, rund ein Drittel zwischen 6 und 10 Zigaretten und das verbleibende Viertel mehr als ein halbes Paket pro Tag.

Seit 2002 ist der Anteil der 11- bis 15-Jährigen, die mindestens einmal pro Woche herkömmliche Zigaretten rauchen, tendenziell rückläufig.

     Seit 2002 (J: 9,0%; M: 9,0%) ist der Anteil der 11- bis 15-jährigen Jungen und Mädchen, die mindestens einmal pro Woche herkömmliche Zigaretten rauchen – ein Konsumverhalten, das eine gewisse Regelmässigkeit suggeriert –, tendenziell rückläufig, mit einer besonders markanten Abnahme zwischen 2010 (J: 8,0%; M: 6,4%) und 2014 (J: 4,7%; M: 3,5%). 2018 (J: 3,1%; M: 2,5%) waren die Anteile vergleichbar mit jenen von 2014. Zudem war dieses Konsumverhalten 2018 bei den 11- bis 15-jährigen Jugendlichen mit mindestens einem im Ausland geborenen Elternteil (3,5%) verbreiteter als bei denjenigen, deren Eltern beide in der Schweiz geboren sind (2,1%).

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G7.4

     Weiter gaben 14,2% der Jungen und 8,0% der Mädchen im Alter von 15 Jahren an, in den letzten 30 Tagen mindestens einmal eine Wasserpfeife geraucht, und 6,0% beziehungsweise rund 1%, Tabak in Form von Snus konsumiert zu haben.

     2017 rauchten rund 30% der 16- bis 25-Jährigen herkömmliche Zigaretten, die meisten täglich (Grafik G7.5). Bei den täglichen Konsumierenden belief sich die Zahl der pro Tag gerauchten herkömmlichen Zigaretten durchschnittlich auf 12,4 (Standard­abweichung = 6,8) bei den jungen Männern und auf 10,1 (Standardabweichung = 5,7) bei den jungen Frauen.

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G7.5

Neue Nikotinprodukte


Bei den 15-Jährigen haben 20,6% der Jungen und 12,9% der Mädchen in den letzten 30 Tagen mindestens einmal elektronische Zigaretten verwendet (Liquid mit oder ohne Nikotin), die Mehrheit von ihnen an höchstens 2 Tagen (HBSC 2018). Knapp ein Zehntel der 15-jährigen Jugendlichen gab an, in den letzten 30 Tagen sowohl herkömmliche Zigaretten als auch elektronische Zigaretten konsumiert zu haben.

     Tabakprodukte zum Erhitzen («heat not burn») wurden hingegen 2018 von den 15-Jähri­gen kaum verwendet. Hier beträgt die 30-Tage-Prävalenz weniger als 1%.

     2017 verwendeten 3,3% der 16- bis 25-jährigen Männer und 1,2% der gleichaltrigen Frauen gelegentlich oder täglich elektronische Zigaretten mit oder ohne Nikotin (SGB 2017). In dieser Altersgruppe konsumiert die grosse Mehrheit der Personen, die elektronische Zigaretten verwenden, gleichzeitig auch herkömmliche Zigaretten. Hingegen lag 2017 der Anteil der 16- bis 25-Jährigen, die (die damals ganz neuen) Tabakprodukte zum Erhitzen verwendeten («heat not burn»), bei nahezu 0%.

Alkohol


Für Kinder und Jugendliche stellt der Konsum von Alkohol grundsätzlich ein Risiko­verhalten dar. Bei den (jungen) Erwachsenen sind im Zusammenhang mit den Risiken für die körperliche und psychische Gesundheit hingegen zwei Aspekte relevant: die durchschnittlich konsumierte Alkoholmenge und die Konsumform, insbesondere das Rauschtrinken (Babor et al., 2010).

     2018 trank rund ein Drittel der 11- bis 15-Jährigen mindestens gelegentlich Alkohol, die meisten weniger als einmal pro Woche (Tabelle T 7.2). In diesem Alter wird nur selten täglich Alkohol konsumiert; der Anteil liegt nahezu bei 0%.

     Seit 2002 (J: 14,9%; M: 8,7%) ist der Anteil der 11- bis 15-jährigen Jungen und Mädchen, die mindestens einmal pro Woche Alkohol trinken – ein Konsumverhalten, das eine gewisse Regelmässigkeit suggeriert – tendenziell rückläufig, mit einer besonders starken Abnahme zwischen 2010 (J: 11,9%; M: 5,9%) und 2014 (4,6% und 2,1%). 2018 (3,6% und 1,4%) waren die Anteile vergleichbar mit jenen von 2014.

     2017 tranken rund 80% der 16- bis 25-Jährigen mindestens gelegentlich Alkohol (Tabelle T7.2). Die Hälfte davon konsumierte jede Woche, aber nicht jeden Tag Alkohol, und weniger als 2% tranken täglich Alkohol.

     Gemäss der nationalen CoRolAR-Befragung des Suchtmonitorings Schweiz bei der Wohnbevölkerung ab 15 Jahren tranken die 15- bis 24-Jährigen 2016 hauptsächlich am Wochenende Alkohol (Freitag bis Sonntag) und nur selten unter der Woche (Montag bis Donnerstag). In den älteren Altersgruppen wurde hingegen regelmässiger Alkohol konsumiert, und der Unterschied zwischen Wochenend- und Wochenkonsum fiel geringer aus (Gmel et al., 2017).

     Die WHO15 legte Schwellenwerte fest mit der Einschätzung, dass ein durchschnittlicher Konsum von mehr als 40g reinem Alkohol (Ethanol) pro Tag bei den Männern und mehr als 20g bei den Frauen langfristig ein mittleres bis hohes Risiko für die Entwicklung von NCD birgt (WHO, 2000). 2017 wiesen 5,5% der 16- bis 25-jährigen Männer und 6,2% der gleichaltrigen Frauen entsprechend diesen Kriterien einen chronischen Risikokonsum auf (SGB 2017; Tabelle T7.2). Für die 11- bis 15-Jährigen liegen keine Daten vor.

  • 15. Grenzwerte zur Messung des risikoreichen Alkoholkonsums im Rahmen von Bevölkerungsumfragen. Diese Werte sind nicht als empfohlene Obergrenze für den Konsum zu verstehen. Für Anhaltspunkte zum Alkoholkonsum bei Erwachsenen siehe EKAL (2018).
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T7.2

     Im Gegensatz zum chronischen Alkohol-Risikokonsum ist das Rauschtrinken eine Form von risikoreichem Alkoholkonsum, die bei den jungen Menschen deutlich verbreiteter ist (Tabelle T7.2). 2018 hat rund ein Viertel der 15-jährigen Jungen und Mädchen in den letzten 30 Tagen vor der Befragung mindestens eine Episode von Rauschtrinken angegeben; die Hälfte davon mindestens zwei (HBSC 2018). Dieser Anteil ist vergleichbar mit jenem von 2014 (J: 27,3%; M: 22,8%), liegt aber unter jenem von 201016 (J: 36,0%; M: 30,6%). Bei den 16- bis 25-Jährigen gaben 2017 31,8% der Männer und 23,9% der Frauen an, sich in den letzten 12 Monaten mindestens einmal in den Rausch getrunken zu haben (SGB 2017).

  • 16. Die Frage wurde 2010 zum ersten Mal gestellt.

2018 wies rund ein Viertel der 15-Jährigen in den letzten 30 Tagen vor der Befragung mindestens eine Episode von Rauschtrinken auf; dieser Anteil ist vergleichbar mit jenem von 2014, liegt aber unter dem Anteil von 2010.

     Die HBSC-Studie 2018 stellte in Bezug auf Alkohol fest, , dass die Jugendlichen, deren Eltern beide in der Schweiz geboren sind, häufiger mindestens einmal pro Woche Alkohol konsumieren (11- bis 15-Jährige) und in den letzten 30 Tagen vor der Befragung häufiger mindestens einmal Rauschtrinken praktiziert haben (14- und 15-Jährige) als jene mit mindestens einem im Ausland geborenen Elternteil. Bezüglich Tabakkonsum wurde das Gegenteil festgestellt.

Medikamente


Für Kinder und Jugendliche liegen keine und für junge Erwachsene nur sehr beschränkte repräsentative Daten vor. In der SGB 2017 gaben 16,9% der Männer und 29,2% der Frauen im Alter von 16 bis 25 Jahren an, in den letzten sieben Tagen mindestens einmal ein Medikament gegen Schmerzen oder ein Beruhigungsmittel genommen zu haben. Die anderen Medikamente17, nach denen gefragt wurde, darunter Schlafmittel und Medikamente zur Steigerung der Aufmerksamkeit oder zum Wachsein, werden von den 16- bis 25-jährigen hingegen kaum eingenommen.

  • 17. Medikamente in der SGB 2017: Mittel gegen Bluthochdruck, Herzmedikamente, Schlafmittel, Mittel gegen Schmerzen, Beruhigungsmittel, Medikamente zur Steigerung der Aufmerksamkeit oder zum Wachsein, Medikamente gegen zu hohes Cholesterin, Medikamente gegen Depression, Mittel gegen Diabetes oder wegen Diabetes Insulin gespritzt, Mittel gegen Osteoporose.

Cannabisprodukte und andere (illegale) Substanzen


Im Rahmen von Bevölkerungsumfragen können Antworten zu illegalen Produkten aufgrund der hohen sozialen (Un-)Erwünschtheit verzerrt sein. Dazu kommt, dass Personen, die diese Produkte häufig konsumieren, tendenziell weniger an solchen Umfragen teilnehmen. Dies kann zu einer Unterschätzung der Konsumprävalenzen führen, die daher mit Vorsicht zu interpretieren sind (Del Boca & Darkes, 2003; Percy et al., 2005; Zaldivar Basurto et al., 2009). Da es sich hier um Jugendliche handelt, kann jedoch eine Übertreibung des Konsums, um sich damit zu brüsten, nicht ausgeschlossen werden.

     In der Schweiz wird unterschieden zwischen illegalem Cannabis, der im Durchschnitt mindestens 1% THC (Tetrahydrocannabinol) enthält, und Cannabisprodukten, die hauptsächlich CBD (Cannabidiol) und weniger als 1% THC enthalten und nicht illegal sind. 2018 war der Konsum von illegalem Cannabis18 bei den 15-Jährigen verbreiteter als jener von vorwiegend CBD-haltigen Cannabisprodukten19 (Grafiken G7.6 und G7.7).

     Beim Konsum von illegalem Cannabis in den letzten 30 Tagen lässt sich bei den 15-jähri­gen Jungen und Mädchen zwischen 2006 (J: 12,2%; M: 11,8%)20 und 2018 (J: 13,5%; M: 8,7%) kaum eine Veränderung und 2018 auch kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den Jugendlichen, deren Eltern beide in der Schweiz geboren sind, und jenen mit mindestens einem im Ausland geborenen Elternteil feststellen. 2017 gaben 12,4% der 16- bis 25-jährigen Männer und 5,7% der gleichaltrigen Frauen an, in den letzten 30 Tagen Cannabis (Haschisch oder Marihuana) konsumiert zu haben (SGB 2017). Gemäss der CoRolAR-Befragung von 2016 handelte es sich beim Grossteil der Cannabiskonsumierenden um einen experimentellen oder einen unproblematischen Konsum. Zwischen 2,5% und 3,5% der 15- bis 19-Jährigen und zwischen 1,9% und 2,3% der 20- bis 24-Jährigen weisen jedoch einen problematischen Konsum auf21 (Marmet & Gmel, 2017). Über den Konsum von vorwiegend CBD-haltigen Produkten bei den Personen ab 16 Jahren liegen keine repräsentativen Daten vor.

     Ausserdem zeigen die HBSC-Studie 2018, die SGB 2017 und CoRolAR 2016 dass andere illegale Substanzen wie Kokain, Heroin, Amphetamine und Ecstasy im Vergleich zu Cannabisprodukten von den Jugendlichen und jungen Erwachsenen deutlich weniger häufig konsumiert werden. Das Gleiche gilt für anabole Steroide, die eine Zunahme des Muskelgewebes bewirken. Hier beträgt die Lebenszeitprävalenz bei den 15-Jährigen nahezu 0% (HBSC 2018).

  • 18. Im HBSC-Fragebogen 2018 als «Cannabis, um ‹high› zu werden» bezeichnet.
  • 19. Im HBSC-Fragebogen 2018 als «CBD» bezeichnet; diese Frage wurde 2018 zum ersten Mal gestellt.
  • 20. Die Frage wurde 2006 zum ersten Mal gestellt.
  • 21. Schätzung anhand des «Cannabis Use Disorder Identification Test» (CUDIT), ursprüngliche und überarbeitete Version; problematischer Konsum = 8 Punkte oder mehr.
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