7.7 Sexualität

Die sexuelle Gesundheit ist ein wesentlicher Bestandteil der Gesundheit, und der häufig in der Adoleszenz stattfindende Übergang zu einem aktiven Sexualleben wird als ein zu diesem Lebensabschnitt gehörender Entwicklungsprozess betrachtet. Daher werden Daten zu diesem Thema erst ab der mittleren Adoleszenz erhoben. Liebesbeziehungen und Sexualität sind Themen, die die Jugendlichen besonders beschäftigen, und bei den jungen Erwachsenen kommt manchmal noch das Thema Kinderwunsch hinzu.

     Die sexuelle Orientierung spielt ebenfalls eine wichtige Rolle in der Entwicklung und der Identitätsbildung der Jugendlichen. Manchmal steht sie zwar bereits bei den Jüngeren fest, doch häufig festigt sie sich in der Adoleszenz (Papalia et al., 2010). In der Schweiz definieren sich 97,4% der 16- bis 25-jährigen Männer und 97,2% der gleichaltrigen Frauen als heterosexuell, rund 1,8% bzw. weniger als 1% als homosexuell und unter 1% bzw. 2,1% als ­bisexuell (SGB 2017). Bei den 24- bis 26-Jährigen gaben 2017 rund 90% an, sich ausschliesslich oder sehr stark vom anderen Geschlecht angezogen zu fühlen, und etwa 3% fühlten sich von Personen des gleichen Geschlechts angezogen (Barrense-Dias et al., 2018).

Der Anteil der 14- bis 15-jährigen Jungen, die bereits Geschlechtsverkehr hatten, ist seit 2002 relativ stabil, während der entsprechende Anteil bei den gleichaltrigen Mädchen 2014 und 2018 tiefer war als bei früheren Erhebungen.

     Die Entwicklung des mobilen Internets und des Smartphones in den vergangenen Jahren hat kostenlose pornografische Inhalte leicht zugänglich gemacht und zur Entstehung neuer Praktiken wie «Sexting» geführt (Barrese-Dias et al., 2017; siehe Kapitel Digitale Medien: Chancen und Risiken für die Gesundheit).

Anteil der sexuell aktiven Jugendlichen


Gemäss der HBSC-Studie 2018 beträgt der Anteil der 14- und 15-jährigen Jugendlichen, die bereits Geschlechtsverkehr hatten (schon einmal mit jemandem «geschlafen» zu haben), 17,1% bei den Jungen und 8,9% bei den Mädchen. Dieser Anteil ist seit 2002 bei den Jungen relativ stabil, während er bei den Mädchen 2014 und 2018 tiefer war als bei den früheren Erhebungen.

     Bei den 16- bis 25-Jährigen beläuft sich der Anteil der sexuell aktiven Personen (berücksichtigtes Kriterium: schon einmal Geschlechtsverkehr mit Eindringen gehabt zu haben) auf 76,3% bei den Männern und auf 72,2% bei den Frauen (bei den 16- bis 20-Jährigen: M: 60,5%; F: 54,2%; bei den 21- bis 25-Jährigen: M: 93,0% und F: 90,1%) (SGB 2017). Somit ist die grosse Mehrheit der jungen Erwachsenen ab 20 Jahren sexuell aktiv. Die Prävalenz der sexuellen Aktivität in den letzten 12 Monaten beträgt sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen im Alter von 16 bis 25 Jahren 68,2%.

     Gemäss einer Studie, die sich spezifisch mit der sexuellen Gesundheit und dem Sexualverhalten der 24- bis 26-Jährigen in der Schweiz befasste (Barrense-Dias et al., 2018), beläuft sich der Anteil der sexuell aktiven jungen Erwachsenen (berücksichtigtes Kriterium: mindestens einen Sexualpartner im Leben gehabt zu haben) auf 95,4% bei den Männern und auf 94,0% bei den Frauen. Der von den sexuell inaktiven Personen am häufigsten angegebene Grund war bei den Frauen, «nicht die richtige Person gefunden zu haben», und bei den Männern, «nicht Gelegenheit dazu gehabt zu haben».

Alter beim ersten Geschlechtsverkehr


Der Zeitpunkt des Eintritts in das Sexualleben ist je nach Person sehr unterschiedlich. Weil Jugendliche, die früh sexuell aktiv sind, wahrscheinlich weniger über Sexualität und Verhütung wissen oder weil es ihnen an Erfahrung fehlt, besteht bei ihnen ein grösseres Gesundheitsrisiko (Boislard, 2014).

     In der Tabelle T7.3 ist der Anteil der sexuell aktiven Jugendlichen dargestellt, die vor 14 Jahren (sehr frühe sexuelle Aktivität), im Alter von 14 oder 15 Jahren (frühe sexuelle Aktivität) und ab 16 Jahren (im Durchschnitt oder spät) zum ersten Mal Geschlechtsverkehr hatten. Für eine richtige Interpretation dieser Ergebnisse ist zu beachten, dass alle Prävalenzen eng mit dem Alter der Befragten verbunden sind.

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T7.3

     Die sexuell aktiven 16- bis 25-Jährigen hatten im Durchschnitt mit 16,5 Jahren zum ersten Mal Geschlechtsverkehr, wobei der Unterschied zwischen den jungen Männern und Frauen nur einige Monate beträgt (Männer: Durchschnittsalter = 16,5, Standardabweichung = 1,7; Frauen: Durchschnittsalter = 16,7, Standardabweichung = 1,8) (SGB 2017).

Verhütungsmittel


Sexuelle Beziehungen bergen auch Risiken, vor allem, wenn sie früh oder mit wechselnden Partnern stattfinden. Am meisten Sorgen im Zusammenhang mit der Sexualität bereiten den Jugendlichen das Risiko einer unerwünschten Schwangerschaft und die Ansteckung mit einer sexuell übertragbaren Infektion (STI) wie HIV oder Papillomavirus (Papalia et al., 2010). Es ist daher unerlässlich, dass sie Zugang zu geeigneten Mitteln zur Schwangerschaftsverhütung und zum Schutz vor STI haben.

     Die Tabelle T7.4 veranschaulicht die Verwendung des Präservativs aus Latex, dessen Wirksamkeit zum Schutz vor STI belegt ist (Robin et al., 2014), sowie die Einnahme der (Östrogen-)Gestagen-Pille, eine der vielen hormonellen Verhütungsmethoden, die weiblichen Jugendlichen angeboten werden (Jacot-Guillarmod & Diserens, 2019). Dabei ist zu beachten, dass in der Schweiz Verhütungsmittel verschrieben werden dürfen, ohne dass die gesetzliche Vertretung, in der Regel die Eltern, darüber in Kenntnis gesetzt wird.

     Das Risiko, dass ein Präservativ reisst, ist begrenzt, aber wenn dies geschieht, kann eine Notfallverhütung («Pille danach») angewendet werden. Seit 2002 kann diese von Frauen ab 16 Jahren in Apotheken ohne ärztliche Verschreibung bezogen werden (Arnet et al., 2009).

     Gemäss einer Waadtländer Studie bei 12- bis 19-jährigen weiblichen Jugendlichen, die eine Ärztin oder einen Arzt aufgesucht haben, um mit der Verhütung zu beginnen, wandten rund drei Viertel die verschriebene Verhütungsmethode nach einem Jahr immer noch an (Diserens et al., 2017). Diejenigen, die die Verhütung nicht mehr anwandten, gaben als Grund am häufigsten die Beendigung der Liebes- und Sexualbeziehung an. Gemäss den Autorinnen und Autoren der Studie ist dieser hohe Anteil einer der Gründe für die relativ tiefe Schwangerschaftsrate bei Jugendlichen in der Schweiz. 2018 betrug die Zahl der Lebendgeburten bei den 15- bis 19-Jährigen 1,7 pro 1000 Frauen dieses Alters (BFS, 2019a). Im gleichen Jahr belief sich die Rate der Schwangerschaftsabbrüche bei den 15- bis 19-Jährigen auf 3,3 pro 1000 Frauen dieses Alters22 (BFS, 2019b). Grundsätzlich gehört die Schweiz – ungeachtet der berücksichtigten Altersgruppe –zu den europäischen Ländern mit den tiefsten Schwangerschaftsabbruchsraten, und seit der Einführung der Fristenregelung23 im Jahr 2002 wurde keine Zunahme beobachtet (Cominetti et al., 2016).

  • 22. Provisorische Zahlen für 2017 der Statistik der Bevölkerung und der Haushalte (STATPOP)
  • 23. Gemäss den Bestimmungen des Strafgesetzbuchs gibt die Fristenlösung einer Frau die Möglichkeit, im Fall einer unerwünschten Schwangerschaft innerhalb einer bestimmten Frist zu entscheiden, ob sie die Schwangerschaft austragen will/kann.
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