9.1 Gesundheitsförderung und Prävention – Begriffsklärung

Die Verwendung der Begriffe «Gesundheitsförderung» und «Prävention» ist in der Literatur nicht einheitlich (Hurrelmann et al., 2014), und für beide Begriffe gibt es unterschiedliche Definitionen. Wird Prävention rein als Krankheitsprävention angesehen, die Risiken abwendet und verhindert, kann man «Prävention» und «Gesundheitsförderung» als einander ergänzend beschreiben (Hurrelmann et al., 2014). Wenn Prävention auch Schutzfaktoren stärkt, was sie in modernen Programmen oft tut, überschneidet sie sich mit Gesundheitsförderung. Vor allem universelle Prävention (siehe unten) schliesst die Stärkung von gesundheitsfördernden Schutzfaktoren mit ein (Blaser & Amstad, 2016).

     Gesundheitsförderung basiert auf einer salutogenen Sichtweise. Die Salutogenese stellt die Gesundheit und nicht die Krankheit ins Zentrum. Aus dieser Perspektive ist nicht nur wichtig zu wissen, was Menschen krank macht, sondern auch, was sie gesund erhält, auch wenn sie Risiken und Belastungen ausgesetzt sind (Antonovsky, 1997). Gesundheitsförderung schliesst deshalb Bestrebungen ein, die darauf abzielen, soziale, ökonomische sowie Lebensbedingungen derart zu verändern, dass diese positiv auf die individuelle und bevölkerungsbezogene Gesundheit wirken (Gesundheitsförderung Schweiz, www.quint-essenz.ch1.

     Prävention will die Entstehung oder Ausbreitung von Krankheiten verhindern («Krankheitsprävention»; Hurrelmann et al, 2014) oder Unfälle verhüten. Risiken für das Eintreten oder Ausbreiten einer unerwünschten Entwicklung, wie Erkrankungen oder Unfälle, werden durch Prävention reduziert, verhindert und abgewendet. Moderne Programme zur Prävention beinhalten oft sowohl Aspekte des Abbaus von Risikofaktoren wie auch der Förderung von Schutzfaktoren. Die Prävention setzt wie die Gesundheitsförderung auf individuelle und strukturelle Ansätze (Verhaltens- und Verhältnisprävention) (Bühler & Bühringer, 2014). Sie kann unspezifisch (themenübergreifend) oder spezifisch (z. B. Unfallprävention, Alkoholprävention, Tabakprävention usw.) ausgestaltet sein.

     Die Fachbegriffe «universelle», «selektive» und «indizierte» Prävention präzisieren hingegen die Zielgruppen (Mrazek & Haggerty, 1994). Die universelle Prävention wendet sich an die gesamte Bevölkerung oder an ganze Bevölkerungssegmente (z. B. alle Menschen im Pensionsalter). Die selektive Prävention richtet sich an Zielgruppen, welche aufgrund ihrer Lebenslage und persönlichen Voraussetzungen ein höheres Risiko haben, krank zu werden. Universelle und selektive Prävention bauen im Idealfall aufeinander auf und ergänzen einander. Massnahmen der indizierten Prävention schliesslich richten sich an Personen mit manifestem Risikoverhalten. Diese Personen sind diagnostisch gesehen (noch) nicht krank.

     Im folgenden Kapitel stehen die Gesundheitsförderung respektive die universelle sowie die selektive Prävention im Fokus. Das Kapitel Gesundheitsversorgung konzentriert sich auf Angebote und Leistungen der Prävention, die im Rahmen des Gesundheitswesens im engeren Sinne erbracht werden.

Ressourcenorientierte Sichtweise: Wirkungsweise von Ressourcen


Das Zusammenspiel von Belastungen und Ressourcen ist für die Gesundheit entscheidend. Während Belastungen die Gesundheit negativ beeinflussen, fördern Ressourcen die Gesundheit. Ausserdem können Ressourcen mobilisiert werden, um auf Belastungen zu reagieren. Sowohl Belastungen wie auch Ressourcen können in der Person selber (intern) als auch in ihrem Umfeld (extern) liegen und sie können körperlicher (biologischer), ­psychischer, sozialer oder struktureller Art sein. Ressourcen können vor etwas – z. B. einer Belastung – schützen, sie können aber auch direkt die Gesundheit positiv beeinflussen (Grafik G9.1).

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G9.1

     Zu den internen Ressourcen gehören auch Lebenskompetenzen. Es handelt sich hierbei um Fertigkeiten, welche es Menschen ermöglichen, ihr Leben zu steuern und Fähigkeiten zu entwickeln, mit den Veränderungen in ihrer Umwelt zu leben sowie selbst Veränderungen zu bewirken (WHO, 1997, 1999). Lebenskompetenzen sind universelle Ressourcen, also nicht störungsspezifisch (Mangrulkar, Vince Whitman, & Posner, 2001).

     Das Erlernen wie auch die Stärkung von Lebenskompetenzen bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen fördert die Gesundheit und trägt auch zur Suchtprävention bei. Eine wichtige allgemeine externe Ressource ist die soziale Unterstützung, z. B. durch Eltern oder Freunde (siehe Kapitel Lebenswelten, Umweltfaktoren und gesellschaftliche Rahmenbedingungen; vgl. Blaser & Amstad, 2016). Externe Ressourcen für die Förderung der körperlichen Gesundheit sind zum Beispiel ein bewegungsfreundlicher Schulhof oder vorhandene gesunde Pausenverpflegung.

Bedeutung von Gesundheitsförderung und Prävention im Kindes- und Jugendalter

Die Förderung der Gesundheit sowie auch die Prävention sind in jedem Alter wichtig und zentral, besonders gross ist ihre Bedeutung aber in den frühen Jahren. Die Kindheit und auch das Jugendalter bergen ein grosses Potenzial, um gesundheitsförderliches Verhalten sowie Konsum- und Risikokompetenz zu lernen, einzuüben und nachhaltig in das Verhaltensrepertoire aufzunehmen. Es gibt zahlreiche Nachweise für die positiven Auswirkungen von gesundheitsförderlichen Massnahmen im frühkindlichen Bereich (Bundesamt für Gesundheit [BAG], 2018). Vorschulische Förderprogramme beeinflussen die Entwicklung in den frühen Lebensjahren, indem sie sich positiv auf die Gesundheit, das Lernverhalten und auf die Psyche auswirken. Insbesondere Kinder aus Familien mit tiefem Bildungsstand und geringem Einkommen profitieren in hohem Mass. Die frühe Förderung lohnt sich auch aus ökonomischer Sicht: Die Investitionen zahlen sich ein Leben lang aus (Stamm, 2009). Langzeitstudien zeigen ausserdem einen positiven Einfluss der frühen Förderung von benachteiligten Familien auf den Schulerfolg der Kinder und deren Einstiegschancen ins Berufsleben. Weniger Delinquenz, weniger Inanspruchnahme von Sozialhilfe sowie eine generell bessere Gesundheit sind weitere Ergebnisse (BAG, 2018; z. B. Reynolds, et al., 2011).

Die Kindheit und auch das Jugendalter bergen ein grosses Potenzial, um gesundheitsförderliches Verhalten sowie Konsum- und Risikokompetenz zu lernen, einzuüben und nachhaltig in das Verhaltensrepertoire aufzunehmen.

     Wirksame Prävention zielt sowohl auf die Veränderung des individuellen Verhaltens als auch auf die Verbesserung der Lebensumstände, also der strukturellen Aspekte. Bezogen auf Programme für Kinder und Jugendliche bedeutet dies, dass beispielsweise im Setting Schule verhaltensbezogene und kompetenzorientierte Programme gekoppelt mit Massnahmen, die das System Schule verändern (z. B. Schulklima), als besonders wirksam gelten (Bühler & Thrul, 2013).

     Studien haben den hohen Nutzen von Prävention auch aus volkswirtschaftlicher Sicht aufgezeigt. So bedeutet jeder für die Alkohol- und Tabakprävention eingesetzte Franken eine Vermeidung von gesellschaftlichen Kosten um das mindestens Zehnfache (Jeanrenaud et al., 2009).