9.3 Psychische Gesundheit

In der Kindheit und frühen Adoleszenz manifestieren sich psychische Verhaltensauffälligkeiten häufig zum ersten Mal (siehe Kapitel Psychische Gesundheit). Wenn die psychische Gesundheit früh gefördert, aber auch wenn auf psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendliche frühzeitig reagiert wird, reduziert sich das Risiko, an einer schwerwiegenden psychischen Störung zu erkranken.

Kantonale Aktionsprogramme zur Förderung der psychischen Gesundheit
 

Die Kantone der Nordwest- sowie der Ostschweiz schenken der Förderung der psychischen Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen schon seit Jahren eine hohe Aufmerksamkeit. Basel-Stadt, Aargau oder auch Zug gehören zu den Pionierkantonen im Bereich der Förderung der psychischen Gesundheit. Der Kanton Zug beispielsweise hat die «10 Schritte»-Kampagne zur Förderung der psychischen Gesundheit aus Oberösterreich in die Schweiz geholt. Das Ostschweizer Forum Psychische Gesundheit ­(https://ofpg.ch/) wiederum hat sich mit der gesamten Bodenseeregion zum Interregionalen Projekt «Kinder im seelischen Gleichgewicht» zusammengetan, um die Qualifizierung und Sensibilisierung von Fachpersonen für die Arbeit mit Eltern und Kindern in Bezug auf die psychische Gesundheit zu stärken.

     Seit 2017 fördert Gesundheitsförderung Schweiz kantonale Aktionsprogramme zum Thema psychische Gesundheit bei der Zielgruppe Kinder und Jugendliche. Im Jahr 2019 setzten in der Schweiz 21 Kantone solche Programme um (Ausnahmen: AI, GL, SZ, TI, VD). Den kantonalen Programmen ist gemeinsam, dass sie dieselben Leitziele verfolgen (Gesundheitsförderung Schweiz, 2016). Die Programme werden indessen von jedem Kanton gemäss seinen eigenen Bedürfnissen und kantonsspezifischen Gegebenheiten ausgestaltet. Das Zusammenspiel der nationalen Leitziele und der gesellschaftlichen Auswirkungen ist in der Grafik G9.2 dargestellt.

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G9.2

Interventionen


Es gibt viele Interventionen in der Schweiz, die wichtige Aspekte der psychischen Gesundheit fördern. Häufig fokussieren die Interventionen auf Übergänge von einer Lebensphase in die andere, deren Bewältigung für die psychische Gesundheit besonders wichtig ist (Wettstein, 2016). Erfolgreich bewältigte Übergänge respektive Entwicklungsaufgaben können die psychische Gesundheit nachhaltig stärken. Scheitern junge Menschen an solchen Übergängen, stellt dies ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer psychischen Störung dar. Besonders bei Lebensphasenübergängen und kritischen Lebensereignissen muss deshalb Unterstützung geboten werden. Das macht auch der Bericht «Psychische Gesundheit in der Schweiz» (BAG et al., 2015) deutlich, der sich mit der Umsetzung von Aktivitäten im Bereich Gesundheitsförderung, Prävention und Früherkennung befasst (Bürli et al., 2015).

Erfolgreich bewältigte Übergänge respektive Entwicklungsaufgaben können die psychische Gesundheit nachhaltig stärken.

     Für den Projekterfolg ist es wichtig, sowohl Wirkung erzeugen zu können als auch diese zu überprüfen und die Massnahmen gegebenenfalls zu optimieren (Fässler & Studer, 2018). Im Folgenden werden Beispiele von erfolgreichen Interventionen aufgeführt, welche die Lebensspanne der Kindheit und des Jugendalters betreffen, in der Schweiz gut verbreitet und evaluiert sind.

Zeppelin


Zeppelin, ein Projekt der Universität Zürich, wendet sich an Familien, die sich rund um die Geburt eines Kindes in einer schwierigen Lebenssituation befinden (z. B. Arbeitslosigkeit, Suchtproblematik, usw.). Ausgebildete Mütter-/Väter-Beraterinnen führen mit diesen Familien das Elternbildungsprogramm «Parents as Teachers (PAT) – Mit Eltern Lernen» durch. Die Familien werden über ein interdisziplinäres Netzwerk (Kinderärzte, Mütter-/Väterberatung, Geburtenstationen, usw.) gefunden und durch die PAT-Elterntrainerinnen zu Hause begleitet. Der Familienalltag wird teilnehmend analysiert und Lösungen für Problemsituationen (zum Beispiel in der Interaktion mit den Kindern) werden gemeinsam gesucht. Eltern werden ausserdem in der Nutzung von Unterstützungsangeboten begleitet, indem zum Beispiel die Trainerin mitgeht.

     Die Begleitforschung (Neuhauser et al. 2018; Jungmann et al., 2017) zur Wirksamkeit des Projekts hat gezeigt, dass die Kinder der Interventionsgruppe einen signifikanten Entwicklungsvorteil aufweisen gegenüber den Kindern der Kontrollgruppe. Dies zeigte sich unter anderem in einem grösseren Wortschatz, weniger ängstlichem Verhalten, besserem Schlafen und einer besseren Impulskontrolle. Auch bei den teilnehmenden Eltern zeigten sich gute Wirkungen: So zeigten die Mütter mit PAT bereits nach einem Jahr Förderprogramm signifikant feinfühligeres Verhalten als Mütter, die nicht in das Förderprogramm einbezogen waren. Sogar in Bezug auf die soziale Teilhabe der geförderten Familien hatte das Programm einen positiven Einfluss: Sie nutzten z. B. Angebote wie die Ludothek oder Bibliothek häufiger als Familien aus der Kontrollgruppe.

Miapas: Empfehlungen zur Förderung der psychischen Gesundheit bei Kleinkindern


Das Projekt Miapas von Gesundheitsförderung Schweiz vereint in einer Resonanzgruppe die verschiedenen Berufsverbände rund um die frühe Kindheit, so zum Beispiel Kinderärztinnen und -ärzte, Hebammen, Gynäkologinnen und Gynäkologen, Krippenleitende, Stillberaterinnen, Mütter-/Väterberatende, Kinder- und Jugendpsychologinnen und -psychologen und weitere. So konnten zusammen mit Fachpersonen verschiedener Richtung Empfehlungen erarbeitet werden zur Bewegung von Kleinkindern, zur Bewegung während der Schwangerschaft, zur Ernährung und zur Förderung der psychischen Gesundheit von Kleinkindern. Die Empfehlungen werden über die Berufsverbände verbreitet. Bei der Empfehlung zur Förderung der psychischen Gesundheit von Kleinkindern handelt es sich um elf Empfehlungen, die sich am Alltag von Familien orientieren (Marie-Meierhofer-Institut & Gesundheitsförderung Schweiz, 2019).

Als Beispiel eine der elf Empfehlungen (Miapas) betreffend Förderung der psychischen Gesundheit bei Kleinkindern:

Mit Kindern reden – Beziehungen herstellen

Beziehung herstellen bedeutet, miteinander reden, sich austauschen und Bedürfnisse mitteilen. Bei kleinen Kindern verhält es sich gleich, auch wenn sie sich zu Beginn noch nicht verbal ausdrücken können. Die Sprachentwicklung verläuft in der frühen Kindheit beeindruckend schnell. Selbst Säuglinge verstehen bereits verschiedene Facetten der Sprache.

    Erwachsene unterstützen die kindliche Entwicklung, indem sie mit dem Kind sprechen und Gefühlszustände und Bedürfnisse, die es selbst noch nicht äussern kann, in Worte fassen. Mit der Zeit gelingt es dem Kind, eigene Worte zu finden. Bald entstehen lustige Plaudereien und Sprachspiele. Nach und nach werden alltägliche Gespräche und Dialoge möglich. Kinder und Erwachsene teilen sich einander verbal mit und stimmen so ihre Bedürfnisse und Anliegen aufeinander ab. Kinder fühlen sich auf diese Weise ernst genommen und Beziehungen vertiefen sich.

MindMatters


MindMatters ist ein erprobtes, wissenschaftlich fundiertes Programm zur Förderung der psychischen Gesundheit an Schulen der Primarstufe und Sekundarstufe I und wird von der Schweizerischen Gesundheitsstiftung Radix3 umgesetzt. Es unterstützt Schulen bei der Förderung der psychischen Gesundheit von Schülerinnen und Schülern sowie Lehrpersonen. MindMatters setzt auf unterschiedlichen Ebenen an, so etwa bei der Schulleitung, die auf die psychische Gesundheit sensibilisiert und darin unterstützt wird zu analysieren, wie die Rahmenbedingungen zur Förderung der psychischen Gesundheit (z. B. das Schulklima) verbessert werden können. Die Lehrpersonen werden ebenfalls angeleitet, das Potenzial zur Förderung der psychischen Gesundheit in ihrem Unterrichtsalltag zu erkennen und zu nutzen. Dazu stehen konkrete Unterrichtssequenzen und -materialien zur Verfügung.

     Die Evaluationsergebnisse (Franze et al., 2007) zeigten, dass Schülerinnen und Schüler nach der Intervention mit MindMatters unter anderem den schulischen Beitrag zur Förderung der sozialen Kompetenz höher einschätzten als davor. Ausserdem berichteten Schülerinnen und Schüler über ein geringeres Mass an psychovegetativen Beschwerden, Schulstress, psychischen Belastungen durch die Schule, negativen Gefühlen, Betonung auf Leistung und Schulunlust.

chili


Das Projekt chili vom Schweizerischen Roten Kreuz lehrt Kinder, offen mit Konflikten umzugehen, und erweitert ihre Sozialkompetenz. Das Projekt zur Gewaltprävention wird mit Kindern im Kindergarten und mit Schülerinnen und Schülern der Unterstufe durchgeführt. Durch den Einbezug von Lehrkräften und Eltern wirkt sich das Projekt nicht nur positiv auf die Kinder aus, sondern auch auf ihr Umfeld. Evaluationsergebnisse (Messmer et al., 2013) zeigten, dass es wichtig ist, die Inhalte des Gewaltpräventions-Trainings an der Schule und im Unterricht immer wieder aufzugreifen, damit nachhaltige Effekte erzielt werden.

Policymassnahmen


Unter Policymassnahmen werden Massnahmen verstanden, die auf eine Verankerung der psychischen Gesundheit in verbindlichen nationalen, kantonalen oder kommunalen Bestimmungen abzielen (Gesundheitsförderung Schweiz, 2019). Sie sind auf nachhaltige strukturelle Veränderungen mit grosser Reichweite ausgerichtet (Verhältnisprävention) und beziehen sich auf unterschiedliche Politikbereiche (Health in all policies). Dies geschieht über Gesetze, Verordnungen, Reglemente, Regierungsrichtlinien, kantonale Strategien und weitere verbindliche Bestimmungen.

     Die in Abschnitt 9.2 auf nationaler Ebene erwähnten Strategien, Aktionspläne und Berichte haben Policy-Charakter. Auch auf kantonaler Ebene werden zahlreiche Policymassnahmen umgesetzt. Beispiele im Bereich der Förderung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz sind:

  • Verankerung des Themas Psychische Gesundheit in den Lehrplänen der Berufsbildung (LU)
     
  • Verankerung des Themas psychische Gesundheit in den Schulstrukturen: «Gesund zur guten Schule» (GR)
     
  • Einbezug der Gesundheitsförderung in die Umsetzung des Jugendfördergesetzes respektive Ausformulierung von Verordnungen (OW)
     
  • Aufnahme der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in die Legislaturziele des Kantons (SH, LU)

Vernetzungsaktivitäten


Im Themenfeld der psychischen Gesundheit existiert in der Schweiz seit 2011 das Netzwerk Psychische Gesundheit Schweiz4. Es verbindet Organisationen, Institutionen und Unternehmen, die sich für die psychische Gesundheit engagieren. Die Grundlage des Netzwerks bildet ein Zusammenarbeitsvertrag zwischen dem Bund (BAG, BSV, SECO), den Kantonen (GDK) und der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz. Ziel des Netzwerks ist es, Synergiemöglichkeiten unter den Akteuren sicht- und nutzbar zu machen, die Akteure zu stärken und die Wirksamkeit und Effizienz ihrer Massnahmen zu erhöhen. 240 von 315, das heisst also 76% der Mitgliederorganisationen, verorten sich im gesundheitsförderlichen und präventiven Bereich (Stand 01.01.2020).

     Das Netzwerk vernetzt Akteure der psychischen Gesundheit über die gesamte Lebensspanne, widmete aber in den letzten Jahren auch zahlreiche Aktivitäten der Zielgruppe Kinder und Jugendliche. So organisierte das Netzwerk in den Jahren 2015 und 2017 die Tagungen «Kinder in familiären Belastungssituationen» mit. Diverse Fachtreffen zu den Themen «Familie» (2013), «Schwierige Übergänge im Jugendalter: Wie können diese gelingen» oder zu «Bündnissen gegen Depression bei Kindern und Jugendlichen» (2015) fanden statt. Das Netzwerk besitzt und verwaltet ausserdem die Lizenz zu den «10 ­Schritten der psychischen Gesundheit». Bei dieser Kampagne existieren diverse Materialien spezifisch für Jugendliche.5

Öffentlichkeitsarbeit


In der Thematik der psychischen Gesundheit laufen seit 2018 zwei nationale Sensibili­sierungskampagnen. Zum einen haben die Deutschschweizer Kantone zusammen mit Pro Mente Sana die Kampagne «Wie geht es Dir» weiterentwickelt.6 Kinder und Jugendliche sind zwar keine direkte Zielgruppe der Kampagne; da aber die Gesamtbevölkerung angesprochen wird, werden auch Bezugspersonen der Kinder und Jugendlichen direkt mit Botschaften zur Förderung der psychischen Gesundheit erreicht. Zum anderen haben die Kantone aus der lateinischen Schweiz mit der Coorasp (westschweizerische Koordinierung der Vereine für die psychische Gesundheit) die Kampagne «Santépsy.ch» lanciert. Auch diese Kampagne thematisiert Möglichkeiten, wie die eigene psychische Gesundheit unterstützt werden kann. Die zweite von drei Kampagnenetappen hat Jugendliche als primäre Zielgruppe definiert. Um diese adäquat ansprechen zu können, wurden in der Vorbereitung Fokusgruppen zur Thematik mit Jugendlichen durchgeführt (Class & Coraasp, 2019).

Unfallprävention


Verfasst von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu)

In den verschiedenen Altersgruppen der 0- bis 25-Jährigen gibt es unterschiedliche Unfallschwerpunkte. Entsprechend heterogen ist das Feld der verschiedenen Organisationen, die sich um die Unfallprävention kümmern. Gemäss ihrem gesetzlichen Auftrag kümmert sich die BFU, Beratungsstelle für Unfallverhütung, um die Prävention in allen Bereichen der Nichtberufsunfälle, also in Strassenverkehr, zu Hause, in der Freizeit und beim Sport.

    Wo immer möglich wird angestrebt, Unfälle mit verhältnispräventiven Massnahmen zu verhindern. Beispiele hierfür: Bau von sicheren Kinderspielplätzen oder Freizeit- und Sportanlagen; Optimierung der Infrastruktur von Schulwegen, Routen und Pisten im Outdoorbereich; elektronische Überwachungssysteme gegen das Ertrinken in öffentlichen Bäderanlagen und so weiter. Ergänzend dazu werden Massnahmen zur Verhaltensprävention angestrengt: Sie fokussieren auf das Individuum und wollen es sensibilisieren und zu sicherem Verhalten befähigen (im Bereich der Kleinkinder stehen hierfür in der Regel nicht die Kinder selber im Zentrum der Bemühungen, sondern ihre Eltern und Betreuungspersonen). 

Hier einige Beispiele aus den verschiedenen Bereichen:

  • Unfallprävention allgemein: Eltern/Betreuungspersonen erhalten z. B. mit der «BFU-Kinderpost» bis zum 8. Geburtstag ihres Kindes eine Broschüre mit konkreten Tipps zu allen Gefahren dieser Altersspanne kostenlos zugestellt. Der Abdeckungsgrad beläuft sich je nach regionalen Rahmenbedingungen zwischen 30% und 50%.
     
  • Verkehrssicherheit
    -  Ab Kindergarten- beziehungsweise Schuleintritt ist die Verkehrsbildung ein fester Bestandteil
       des Unterrichts, der durch die Verkehrsinstruktion der Polizei durchgeführt wird.

         -  Fahrausbildung: Sowohl für die theoretische als auch für die praktische Ausbildung zum Erwerb
            eines Führerscheins (Roller, Motorräder, Personenwagen) werden von Fachorganisationen
            Grundlagen zum sicherheitsorientierten Fahrverhalten zur Verfügung gestellt mit dem Ziel, sich
            selber und die schwächeren Verkehrsteilnehmenden zu schützen.

         -  Diverse Kampagnen tragen dazu bei, dass Motorfahrzeuglenkende die Sicherheit der Kinder nicht
            aus den Augen verlieren, z. B. Schulwegkampagnen jeweils zu Schulbeginn.

  • Wassersicherheit: In Zusammenarbeit verschiedener Präventionsakteure wurde der WassersicherheitsCheck (WSC) entwickelt und etabliert. Ziel ist, Kindern bis zum Alter von 10 bis 12 Jahren ein Mindestlevel an Selbstrettungskompetenzen zu vermitteln. Der WSC ist mittlerweile in einigen Kantonen integrativer Bestandteil des Unterrichts.
     
  • Sport und Bewegung: Ein wichtiges Ziel ist die Etablierung von Minimalstandards im geleiteten Turn- und Sportunterricht; zum Beispiel bei Jugend & Sport oder beim Sport in der Schule. Parallel dazu: die Aus- und Weiterbildung von Sportleitenden hinsichtlich einer verantwortungsvollen Leitung von Sportangeboten.