9.4 Ernährung und Bewegung

Eine ausgewogene Ernährung und regelmässige Bewegung sind als Schutzfaktoren für nichtübertragbare Krankheiten (NCD – Non-Communicable Diseases) bestens belegt (WHO, 2018). Beide Faktoren sind wichtig zur Vermeidung von Übergewicht und Adi­positas, welche das Risiko für die Entwicklung einer NCD deutlich erhöhen und die Überlebenswahrscheinlichkeit vermindern (NCD-Strategie, 2016). Bewegung hat ausserdem unabhängig vom Körpergewicht einen protektiven Einfluss auf die Entwicklung von NCD (Niess & Thiel, 2018).

Kantonale Aktionsprogramme Ernährung und Bewegung


Seit 2007 unterstützt Gesundheitsförderung Schweiz Kantone in der Umsetzung von kantonalen Aktionsprogrammen zur Bewegungsförderung und der Förderung einer ausgewogenen Ernährung. Wie unter Abschnitt 9.2 beschrieben, ist den Aktionsprogrammen gemeinsam, dass sie Massnahmen auf vier Ebenen (Intervention, Policy, Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit) umsetzen sowie gemeinsame Ziele verfolgen (Gesundheits­förderung Schweiz, 2016). Im Bereich Ernährung und Bewegung handelt es sich um folgende Ziele:

  • Der öffentliche Raum ist so gestaltet, dass er Kindern und Jugendlichen ausreichende Bewegungsmöglichkeiten bietet.
     
  • Das vorschulische, schulische und schulergänzende/ausserschulische Umfeld ist so gestaltet, dass es eine ausgewogene Ernährung7 und ausreichende Bewegung8 von Kindern und Jugendlichen begünstigt.
     
  • Kinder und Jugendliche und ihre Bezugspersonen haben niederschwelligen Zugang zu Beratungs-/Unterstützungsangeboten im Bereich Ernährung und Bewegung.
     
  • Die sozialen und strukturellen Rahmenbedingungen im Kanton und in den Gemeinden sowie in den schulischen, vorschulischen und schulergänzenden/ ausserschulischen Einrichtungen sind so gestaltet, dass sie eine ausgewogene Ernährung und angemessene Bewegung von Kindern und Jugendlichen fördern.
     
  • Die primären Bezugspersonen von Kindern und Jugendlichen werden mit wirksamen Massnahmen erreicht, die sie darin unterstützen, eine ausgewogene Ernährung und angemessene Bewegung bei Kindern und Jugendlichen zu fördern.
     
  • Kinder und Jugendliche werden mit wirksamen Massnahmen erreicht, welche ihr Wissen, ihre Kompetenzen und ihre Einstellung bezüglich ausgewogener Ernährung und ausreichender Bewegung fördern.


     Jeder Kanton entscheidet individuell, welche Ziele er mit welchen Massnahmen umsetzen möchte. Kantonale Gegebenheiten können somit berücksichtigt und aufgenommen werden.

     Die kantonalen Aktionsprogramme zur Förderung der Bewegung und einer gesunden Ernährung sind stark verbreitet, gut etabliert und verankert. Von Beginn an setzten die sechs Pionier-Kantone, St. Gallen, Jura, Neuenburg, Basel-Stadt, Zug und Luzern Programme bei Kindern und Jugendlichen um. Über zwölf Jahre später, das heisst 2019, realisierten 22 von 26 Kantonen ein kantonales Programm mit der Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen (Ausnahmen bilden AI, AR, GL, SZ).

  • 7. Entsprechend der nationalen Ernährungsempfehlungen, Schweizerische Gesellschaft für Ernährung, 2011
  • 8. Entsprechend der nationalen Bewegungsempfehlungen, Bundesamt für Fort, BASPO, 2013

Die kantonalen Aktionsprogramme zur Förderung der Bewegung und einer gesunden Ernährung sind stark verbreitet, gut etabliert und verankert.

     Die Fokussierung der kantonalen Aktivitäten auf die Lebensphase der frühen Kindheit erfolgte vor circa acht Jahren: Für die zweite Programmphase knüpfte Gesundheitsförderung Schweiz die Unterstützung der kantonalen Programme an die Bedingung, Massnahmen in der frühen Kindheit umzusetzen. In den folgenden Jahren ging der Anteil übergewichtiger Kinder vor allem im Kindergartenalter im Vergleich zu älteren Kindern zurück (siehe Kapitel Chronische Krankheiten und Behinderungen). In den letzten Jahren (seit der 3. Programmphase) setzten die Kantone vermehrt auf Projekte mit nachgewiesener Wirkung (Fässler et al, 2018).

Interventionen


Mehr noch als bei andern ist bei der Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen wichtig, die beiden Themengebiete Bewegung und Ernährung zu kombinieren (Steiger, 2018). Verhaltensorientierte Interventionen, die beides kombinieren, zeigen die konsistentesten Effekte für ein gesundes Körpergewicht. Weiter zeigt sich, dass Interventionen, die von der Schule ausgehen, bei der entsprechenden Altersgruppe am wirkungsvollsten sind (Bleich, 2013). Die folgenden Interventionen dienen als Beispiele für wirkungsvolle Interventionen in den Bereichen Bewegung und Ernährung.

Mamamundo


Mamamundo 9 ist ein Geburtsvorbereitungskurs für Schwangere mit Migrationshintergrund und mangelnden Sprachkenntnissen. Der gleichnamige Verein ist eigenständig und verfolgt ausschliesslich gemeinnützige Zwecke. Zum Angebot gehören Körperarbeit für die Stärkung von körperlichem und psychischem Wohlbefinden, Stärkung der Gesundheitskompetenz, Austausch zur Ernährung in der Schwangerschaft, enge Zusammenarbeit zwischen Sozialdiensten, Asylzentren, geschulten interkulturell Dolmetschenden und Kursleitenden. Es wird stark körperzentriert gearbeitet; die Sequenzen werden durch interkulturell Dolmetschende begleitet und in die jeweilige Sprache übersetzt. Zusätzlich werden allgemeine Informationen zum Gesundheitswesen und zu weiterführenden Angeboten in der Schweiz vermittelt.

     Die Kursevaluationen zeigen auf, dass die Teilnehmerinnen gestärkt durch Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett gehen und Fachpersonen dadurch entlastet werden. Seit 2012 ist das Angebot stetig gewachsen. 2018 konnten im Kanton Bern 143 Frauen von einem Kurs profitieren, dies an den Standorten Biel und Bern und in zehn verschiedenen Sprachen. Das Angebot ist lizenziert und wird seit 2018 auch an der Universitätsklinik Basel und am Kantonsspital Luzern angeboten.

Senso5


Senso5 10 bietet einen genussvollen Zugang zum Thema Ernährung an. Das Unterrichtsmaterial von Senso5 für Schulen wird heute im Kanton Wallis als offizielles Lehrmittel für die Ernährungslehre gemäss den Vorgaben des Westschweizer Lehrplans (PER) eingesetzt. Seine Verbreitung gehört zu den Prioritäten des kantonalen Aktionsplans im Bereich Gesundheit. Der Senso5-Ansatz bezweckt:

  • eine nicht stigmatisierende Ernährungslehre auszuarbeiten, die von den fünf Sinnen und vom Genuss ausgeht;
     
  • Lehrmittel für eine multisensorische Ernährungsbildung anzubieten, die in verschiedenen Schulfächern eingesetzt werden können;
     
  • im Unterricht verschiedene Nahrungsmittel vorzustellen und zu probieren.


            Wie Evaluationen dieses Programms zeigen, schafft die Ernährungslehre anhand eines sensorischen Ansatzes bei kleinen Kindern einen echten Mehrwert, darunter die Entwicklung spezifischer, im Umgang mit der Ernährung nützlicher Fähigkeiten: Aufbau von sensorischem Vokabular, Ernährungswissen, Aufgeschlossenheit gegenüber der Vielfalt der Lebensmittel sowie Sensibilisierung für unterschiedliche Ernährungshaltungen. Nebst dem Senso5-Projektbericht (Clerc-Bérod, Hugo & Luisier, 2012) kam auch eine kürzlich in der Zeitschrift Public Health Nutrition veröffentlichte finnische Studie über Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren zu diesem Resultat (Kähkönen, Rönkà, Hujo & Lyytikäinen, 2018).

Purzelbaum


Purzelbaum 11 verankert mit einfachen und praxisnahen Mitteln vielseitige Bewegung, ausgewogene Ernährung und ressourcenstärkende Angebote im Alltag von Primarschulen, Kindergärten sowie Kindertagesstätten und Spielgruppen. Das ursprüngliche Projekt aus dem Kanton Basel-Stadt wurde 2009 von RADIX übernommen, weiterentwickelt und multipliziert. Heute wird es bereits in 21 Kantonen von kantonalen Fachstellen in Zusammenarbeit mit PurzelbaumSchweiz umgesetzt. Kantonale Weiterbildungen werden dabei durch nationale Treffen, sprachregionale Tagungen und praxisnahe Weiterbildungsangebote ergänzt. Dies kann somit als eine erfolgreiche Multiplikation eines Vorzeigeprojektes bezeichnet werden, mit welchem täglich rund 59 000 Kinder erreicht werden.

     In einem gemeinsamen Forschungsprojekt haben die Universität Basel zusammen mit den Pädagogischen Hochschulen Schwyz und Zürich die motorischen Basiskompetenzen12 von 4- bis 6-jährigen Kindern untersucht (Kühnis, Ferrari, Fahrni & Herrmann, 2018; Herrmann, Seelig, Ferrari & Kühnis, 2019). Diese Studie war schweizweit die erste, die Unterschiede in den motorischen Leistungsdispositionen untersuchte, und zwar mit dem neu entwickelten MOBAK-KG-Testinstrument. Sie zeigte auf, dass Kinder, die einen Purzelbaum-Kindergarten besuchten, signifikant bessere motorische Basiskompetenzen aufzeigten als Kinder, die einen Regelkindergarten besuchten.

  • 11. www.purzelbaum.ch
  • 12. Motorische Basiskompetenzen sind funktionale Leistungsdispositionen, die gewährleisten, dass Kinder an der Sport- und Bewegungskultur teilnehmen können. Daher nimmt die Förderung motorischer Basiskompetenzen bei jüngeren Kindern eine bedeutende Rolle ein.

GORILLA


GORILLA ist das mehrfach ausgezeichnete nationale Programm zur Gesundheitsförderung der Schtifti Foundation. Es motiviert Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 9 bis 25 Jahren, sich ausreichend zu bewegen, ausgewogen zu ernähren und bewusst zu konsumieren. GORILLA-Botschaftinnen und -botschafter zeigen den Jugendlichen im Rahmen von Tages-Workshops die Basics verschiedener Freestylesportarten wie Breakdance, Skateboard und Biken. Ernährungsprofis betreuen das Znüni- und Lunch-Buffet und erklären die Wichtigkeit und Grundzüge einer gesunden und nachhaltigen Ernährung anhand der Lebensmittelpyramide. Um den Schulalltag möglichst gesund zu gestalten, hat GORILLA 2016 ein Schulprogramm entwickelt. Dieses bietet den Lehrpersonen fixfertige Unterrichtsmaterialien an zu den Themen Bewegung, Ernährung und nachhaltiger Konsum. Neben der Schule ist GORILLA auch in der Freizeit in Kontakt mit den Jugendlichen. Mit Video-Anleitungen auf www.gorilla.ch, dem Kochbüchlein und auf Social Media begleitet GORILLA die Zielgruppe mit Tipps und Inspirationen. GORILLA zeigt für verschiedene Aspekte, zum Beispiel den Konsum von Energydrinks, positive Ergebnisse.

Policymassnahmen


Zahlreiche Massnahmen zielen auf die Verankerung des Themenbereichs Ernährung und Bewegung bei Kindern und Jugendlichen in verbindlichen nationalen, kantonalen oder kommunalen Bestimmungen. Beispiele dazu sind:

  • Einbezug der Bewegungsförderung und der Förderung einer ausgewogenen Ernährung bei Kindern und Jugendlichen in ein neues oder zu überarbeitendes kantonales Gesundheitsförderungskonzept (SH, SG)
     
  • Integration der Themen Ernährung und Bewegung in den Aufgabenkatalog der kantonal finanzierten Zahnpflegeinstruktorinnen (TG)
Erfolgsgeschichte einer Policymassnahme: die Schulzahnpflege

In der Schweiz lernt jedes Kind in der Schule, wie es am besten und effektivsten seine Zähne putzt. Dies war nicht immer so. Erst seit circa 50 Jahren sind die sogenannten «Zahnfeen», «Zahnhexen» oder «Zahnputzfrauen» in den Schulen unterwegs – die offizielle Bezeichnung ist übrigens Schulzahnpflege-Instruktorin (SZPI).

    Die präventive Verhaltensweise des Zähneputzens ist essentiell für eine gute Mundgesundheit. Dank eines Forschungsprojektes von Prof. Dr. Thomas Marthaler – ein Pionier der zahnmedizinischen Prophylaxe – an der Universität Zürich wurde der präventive Charakter dieser Massnahme untersucht und die Wirksamkeit mit Zahlen belegt: Der Kariesbefall von Kinderzähnen ging in Zürich um 90% (!) zurück dank der Besuche der Schulzahnpflege-Instruktorinnen (Menghini & Steiner, 2007). Die Wirkung liess sich bis ins Erwachsenenalter nachweisen. Diese Zürcher Erfolgsgeschichte verbreitete sich rasant, so dass auch andere Kantone für diese präventive Massnahme in ihren Schulen kantonale Verordnungen erliessen.

    Heute existieren in allen Kantonen Gesetze, Verordnungen oder Erlasse, die verbindliche Vorschriften für die Schulzahnpflege vorschreiben. Die Stiftung für Schulzahnpflege-Instruktorinnen (SZPI) betreut, koordiniert und schult die rund 1000 SZPI, die sich für die Zahnpflege in der Schweiz engagieren. So hat sich die Zahnpflege etabliert und gesunde, gepflegte Zähne werden heute als selbstverständlich angesehen.

    Die Besuche der Zahninstruktorinnen dienen nebst dem Erlernen des konkreten Zähneputzens auch der Auseinandersetzung mit weiteren Gesundheitsinformationen betreffend Mundgesundheit, wie zum Beispiel Ernährung, Zungenpiercings und so weiter. So können Gesundheitskompetenzen von Kindern kontinuierlich gestärkt werden.

Vernetzungsaktivitäten


Die Vernetzung im Bereich der Gesundheitsförderung zu Ernährung und Bewegung geschieht auf unterschiedlichen Niveaus. Auf regionaler Ebene sind die Plattformen in der Zentralschweiz und der Ostschweiz sehr etabliert. In der Romandie läuft die Zusammenarbeit zwischen den lateinischen Kantonen über die Commission de Prévention et de Promotion de la Santé (CPPS). Auch innerhalb der Kantone finden diverse Vernetzungsaktivitäten statt. Ein interessantes Beispiel ist die Bildung von Förderketten. Um Lebensphasen-Übergänge möglichst problemlos gestalten zu können, ist es wichtig, eine gewisse Kontinuität und vor allem Lückenlosigkeit in der Förderung zu gewährleisten. Dazu werden sogenannte Förderketten gebildet. In jeder Lebensphase sind andere Akteure für die Kinder und ihre Familien/Bezugspersonen zuständig (z. B. während der Schwangerschaft Gynäkologinnen und Gynäkologen, während dem Wochenbett Hebammen, während der frühen Kindheit Mütter-Väter-Beraterinnen und Kinderkrippen-Mitarbeitende, usw.). Besonders wichtig ist das Thema der Förderketten bei Familien mit Migrationshintergrund, da die Zusammenarbeit mit Fachpersonen über interkulturelle Vermittelnde abläuft. Muss die Zusammenarbeit mit den interkulturellen Vermittelnden nicht bei jeder Lebensphase neu aufgebaut werden, ist die Förderung erfolgsversprechender. Einige Kantone sind daran, solche Förderketten auf- beziehungsweise auszubauen. Das Konzept ist im Kanton Bern schon relativ erfolgreich etabliert.

     Auf nationaler Ebene geschieht die Vernetzung thematisch in Netzwerken, die von nationalen Trägern finanziert werden. Das Netzwerk Gesundheit und Bewegung Schweiz hepa.ch (health enhancing physical activity) ist ein Zusammenschluss von Organisationen, Institutionen und Unternehmen, die sich schweizweit auf nationaler, kantonaler oder lokaler Ebene für die Gesundheitsförderung durch Bewegung und Sport einsetzen.

     Der schon erwähnte Aktionsplan zur Schweizer Ernährungsstrategie enthält Massnahmen, um die Menschen in der Schweiz bei der Wahl eines gesunden Lebensstils und einer ausgewogenen Ernährung zu unterstützen. Verschiedene Akteure aus der Lebensmittelwirtschaft, aus Nichtregierungs- und Konsumentenorganisationen, Bundesämtern, Kantonen sowie aus Bildungs- und Forschungsinstitutionen arbeiten gemeinsam an der Umsetzung. Im Rahmen des jährlich stattfindenden «Forum Ernährungsstrategie» können sich die Akteure über Aktivitäten und Erfahrungen austauschen. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) koordiniert die Aktivitäten und prüft alljährlich die Fortschritte in der Umsetzung des Aktionsplans.

Öffentlichkeitsarbeit


Verschiedene Kantone haben in den letzten Jahren Kampagnen zur Förderung regelmässiger Bewegung und einer ausgewogenen Ernährung bei Kindern und Jugendlichen lanciert. Der Kanton Graubünden zeigt mit seinem Programm «Bisch fit?» eindrucksvoll, wie dies auf unterschiedlichen Ebenen geschehen kann. Die Kommunikation läuft hier rund um die Webseite https://bischfit.ch/ und über zielgruppenorientierte Kommunikationsmittel (wie z. B. Broschüren, Flyer, usw.) zur Sensibilisierung und Information.