9.5 Sucht

Suchtprävention will den Konsumeinstieg verhindern, hinauszögern, zum Konsumausstieg anregen und die negativen Auswirkungen des Konsums bzw. der Abhängigkeit verringern (European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction, 2011). Diese Ziele gelten nicht nur im Bereich legaler oder auch illegaler Substanzen wie Tabak, Alkohol und Arzneimittel, sondern auch für Verhaltensweisen, die zu einer Abhängigkeit führen können, wie z. B. Geldspiele.

     Im Jugendalter ist Suchtprävention besonders entscheidend. Eine Reihe von verhaltensorientierten und strukturellen Massnahmen stehen im Vordergrund – einerseits Massnahmen, welche die Kompetenzen Jugendlicher stärken und sie unterstützen, nicht in den Konsum einzusteigen oder risikoarm zu konsumieren; andererseits Massnahmen, die über die Entwicklung gesellschaftlicher Normen oder gesetzlicher Vorschriften zum Jugendschutz beitragen (Nationale Arbeitsgemeinschaft Suchtpolitik, 2018). Prävention bei Jugendlichen findet in verschiedenen Settings statt, darunter Schule, Arbeitsstelle, Familie, Freizeit und auf Gemeindeebene.

     Psychische Gesundheit und Sucht sind im Allgemeinen eng miteinander verbunden, und die Wechselwirkungen zwischen dem Substanzkonsum und der psychischen Gesundheit sind oft komplex. Aus Präventionssicht tragen deshalb sämtliche Massnahmen zur Förderung der psychischen Gesundheit auch zur Suchtprävention bei.

Im Jugendalter ist Suchtprävention besonders entscheidend. Eine Reihe von verhaltensorientierten und von strukturellen Massnahmen stehen im Vordergrund.

     Die folgenden Ausführungen befassen sich ausschliesslich mit Massnahmen der Suchtprävention bei Kindern und Jugendlichen ab dem schulpflichtigen Alter. Die Suchtprävention im Vorschulalter ist vornehmlich auf den Aufbau der Lebenskompetenzen ausgerichtet und gehört damit eher zur Förderung der psychischen Gesundheit (siehe Abschnitt 9.3).

Kantonale Präventionsprogramme


In zahlreichen Kantonen wird die Suchtprävention mithilfe von kantonalen Tabakpräventionsprogrammen, kantonalen Aktionsplänen Alkohol und/oder durch Suchtpräventionspläne oder -strategien organisiert. Tabakpräventionsprogramme werden zum Beispiel durch den Tabakpräventionsfonds unterstützt. Im Jahr 2020 verfügen 12 Kantone über ein solches Programm.

Verhaltensprävention


In der Schweiz wird eine Vielzahl von Projekten zur Suchtprävention bei Jugendlichen durchgeführt. Einige sind auf eine spezifische Substanz oder Verhaltensweise ausgerichtet (Alkohol, Tabak, Geldspiel usw.), andere befassen sich mit dem Thema Sucht – mit oder ohne Substanzbezug – im Allgemeinen, wobei der Schwerpunkt auf der Stärkung der Lebenskompetenzen liegt.

     Methodische Evaluationen von Präventionsprojekten und -massnahmen und deren Wirksamkeit sind relativ selten. Oft ist es schwierig, die Wirkung einer Massnahme isoliert zu beurteilen. Die in diesem Kapitel vorgestellten Projekte wurden einer Evaluation unterzogen und ihre Wirksamkeit ist belegt.

Cool and clean


«Cool and clean»13 ist das nationale Präventionsprogramm von Swiss Olympic, dem BASPO und dem BAG für einen erfolgreichen, fairen und sauberen Sport. Im Rahmen dieses Projekts werden Betreuungspersonen von Kindern und Jugendlichen im Alter von 10 bis 20 Jahren Hilfsmittel zur Verfügung gestellt, damit sie die Lebenskompetenzen junger Sportlerinnen und Sportler stärken, gefährdende Entwicklungen frühzeitig erkennen und angemessen reagieren können. Das Programm baut auf sechs sogenannten Commitments auf, darunter der Verzicht auf Doping, Tabak und Cannabis sowie ein massvoller Alkoholkonsum. Ausserdem werden Veranstalter von Sportanlässen bei der Umsetzung der Jugendschutzvorschriften und der Massnahmen zum Schutz vor Passivrauchen unterstützt.

     Das Programm wurde zwischen 2007 und 2015 evaluiert (Wicki, Stucki, & Marmet, 2015). Es erweist sich als wirksam insbesondere in der Stärkung der Lebenskompetenzen der Jugendlichen. 

Experiment Nichtrauchen


«Experiment Nichtrauchen» ist ein Wettbewerb für Klassen des 6. bis 9. Schuljahres. Im Rahmen dieses Projekts, das von der Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention Schweiz durchgeführt wird, verpflichten sich die teilnehmenden Klassen, mindestens während der Dauer des Wettbewerbs nicht zu rauchen. Klassen, die während des ganzen Wettbewerbs rauchfrei bleiben, werden belohnt.

     Eine Evaluation des Projekts zeigt, dass die Teilnahme am «Experiment Nichtrauchen» langfristig positive Auswirkungen auf den Tabakkonsum hat (Stucki, Archimi, Kuntsche, 2017).

Prev@WORK


Prev@WORK14 ist ein Projekt, das Suchtprävention und Förderung der psychischen Gesundheit vereint und sich an junge Erwachsene in der Berufsausbildung richtet. Es umfasst zwei Seminare, die im Abstand von einigen Monaten in der Schule oder beim Arbeitgeber durchgeführt werden. Die Lernenden werden durch partizipative Methoden für das Risikomanagement mit süchtig machenden Substanzen und Verhaltensweisen sowie für den Umgang mit Stress sensibilisiert. Sie können ihr Konsumverhalten und die Zusammenhänge zwischen psychischen Problemen und Konsum reflektieren und Alternativen entwickeln. Das seit über zehn Jahren in Deutschland erprobte und evaluierte Projekt Prev@WORK wurde von Sucht Schweiz und Perspektive Thurgau gemeinsam mit der Berliner Fachstelle für Suchtprävention für die Schweiz angepasst (Evaluation durch die Gesellschaft für Statistik und Evaluation StatEval, 2012).

Strukturelle Prävention


Strukturelle Präventionsmassnahmen streben eine Veränderung der äusseren Rahmen­bedingungen an. In der Suchtprävention zählen dazu zum Beispiel Initiativen zur Beeinflussung gesellschaftlicher Normen oder gesetzgeberische Massnahmen, die auf die Verringerung der Attraktivität beziehungsweise der Verfügbarkeit einer Substanz oder einer Verhaltensweise abzielen. Strukturelle Präventionsmassnahmen sind zwar mitunter unbeliebt, gelten aber im Allgemeinen als wirksam und kostengünstig in der Umsetzung (Babor et al., 2010).

     Es gibt viele strukturelle Massnahmen im Suchtbereich, deren Wirksamkeit erwiesen ist: Preispolitik, Beschränkung von Werbung und Sponsoring, Jugendschutzmassnahmen, verkürzte Ladenöffnungszeiten, Regelungen zu Alkohol am Steuer und so weiter.

Altersbeschränkungen und Testkäufe


Eine der wichtigsten Jugendschutzmassnahmen ist die Altersbeschränkung für die Abgabe von Alkohol und Tabak an Jugendliche. Um die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen zu überprüfen, werden in allen Kantonen Alkoholtestkäufe durchgeführt.15 Diese Kontrollen dienen auch der Sensibilisierung und Unterstützung des Verkaufspersonals, das für die Alterskontrolle zuständig ist.

     Eine Evaluation ergab, dass die Alkoholverkaufsrate sinkt, wenn die Alkoholtestkäufe über mehrere Jahre hinweg wiederholt werden (Stucki, Scheuber, Tichelli & Rihs-Middle, 2009). Damit spielt diese Massnahme für den Jugendschutz eine wichtige Rolle.

Nachtregime


Einige Kantone16 haben gesetzliche Bestimmungen erlassen, die den Verkauf und/oder den Konsum von Alkohol zu bestimmten Zeiten und Anlässen verbieten oder einschränken. Im Kanton Waadt zum Beispiel ist der Verkauf von Alkohol «über die Gasse» zwischen 21 und 6 Uhr verboten.

     Seit dem Inkrafttreten dieser Verordnung ist die Zahl der Jugendlichen, die mit Alkoholvergiftungen auf der Notfallstation landen, in den Kantonen Waadt und Genf deutlich gesunken (Wicki, Gmel, Kuendig, Schneider, Bertholet, & Faouzi, 2018; Gmel, & Wicki, 2010).

Preisfestsetzung


Die Beeinflussung des Preises eines Produktes wie Tabak oder Alkohol ist eine wirksame strukturelle Präventionsmassnahme. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO, 2019) ist die Erhöhung der Tabaksteuern eine der wirksamsten Massnahmen, um die Raucherentwöhnung zu fördern und junge Menschen davon abzuhalten, mit dem Rauchen zu beginnen. Damit die Nachfrage nach einem Produkt zurückgeht, müssen die Verbraucher den Preisanstieg jedoch spüren. So reduziert eine 10%ige Erhöhung des Verkaufspreises die Nachfrage um durchschnittlich 4%.

Risikominderung bei Festen und Events


Mehrere kantonale Präventionsstellen bieten Labels oder Chartas für die Veranstalter von Festivals oder Events an. Diese beinhalten ein Konzept für das Risikomanagement und die Risikominderung im Partybereich. Die Veranstalter verpflichten sich, bestimmte Präventions- und Sicherheitsmassnahmen umzusetzen, z. B. die Schulung des Barpersonals, das Verteilen von Armbändern, die das Alter der Besucherinnen und Besucher angeben, das Bereitstellen von kostenlosem Trinkwasser oder das Einsetzen von Mitteln, die alkoholfreie Getränke attraktiver machen.

Vernetzungsaktivitäten


Im Bereich Suchtprävention sind eine Vielzahl von staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren auf nationaler, kantonaler und kommunaler Ebene tätig. Die grosse Zahl ist unter anderem auf die geschichtliche Entwicklung der Strukturen, die Themenvielfalt und die unterschiedlichen Finanzierungsformen zurückzuführen. Dementsprechend sind auch die Vernetzungsaktivitäten vielfältig und auf verschiedenen Ebenen angesiedelt.

     Auf nationaler Ebene organisiert das Bundesamt für Gesundheit regelmässig Stakeholdertreffen für die beiden Nationalen Strategien zur Prävention nichtübertragbarer Krankheiten und Sucht. Die Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention Schweiz (AT) führt zudem regelmässig Seminare für die Akteure im Bereich der Tabakprävention durch.

     Auf interkantonaler Ebene bieten der Fachverband Sucht für die Deutschschweiz, Ticino Addiction für die Italienisch sprechende Schweiz und GREA (Groupement romand d'étude des addictions) für die Westschweiz regelmässig Plattformen zu spezifischen Suchtthemen an. Diese Plattformen führen die Akteure aus dem Präventionsbereich sowie Fachleute aus anderen Disziplinen zusammen. Daneben existieren weitere Netzwerke in den Kantonen und in bestimmten Regionen.

Öffentlichkeitsarbeit


Sensibilisierungskampagnen für die breite Öffentlichkeit sind verhaltenspräventive Massnahmen und müssen in der Regel mit weiteren Suchtpräventionsmassnahmen kombiniert werden, damit sie zweckdienlich und effizient sind.

     Die meisten Sensibilisierungskampagnen zum Thema Sucht richten sich an die gesamte Bevölkerung. Ein Beispiel ist die vom Bundesamt für Gesundheit, den Kantonen und verschiedenen NGOs lancierte und vom Tabakpräventionsfonds unterstützte Präventionskampagne «Smokefree. Ich bin stärker»17, die von 2015 bis 2018 durchgeführt wurde. Das Hauptziel dieser Kampagne bestand darin, Rauchende, die einen Rauchstopp anstrebten, zu motivieren und zu unterstützen. Ein anderes Beispiel ist die im Jahr 2018 von 16 Deutschschweizer Kantonen durchgeführte Kampagne zur Sensibilisierung für Spielsucht bei Sportwetten.18 Videoclips machten auf die Risiken von Sportwetten im Fussball aufmerksam.

     Einige Kampagnen richten sich speziell an Jugendliche. So etwa die 2019 durchgeführte Kampagne der Stadt Lausanne19 zur Sensibilisierung junger Menschen für die Risiken des Alkohol-, Tabak- und Cannabiskonsums. In dieser Präventionskampagne wurden die Jugendlichen mit Plakaten in der Stadt und mit Videos in den sozialen Netzwerken angesprochen.